Was die
Kirche mit Politik zu tun hat
Die Osterbotschaft
klingt nach: „Gott hat Jesus vom Tod erweckt.“
Manche hören diese Botschaft persönlich, manche
politisch.
Tatsächlich,
die christliche Religion hat eine persönliche und eine
politische Dimension.
1.
Religiöse Gründe für eine politische
Unterscheidung der Aufgaben von Religionsgemeinschaften und Staat
Gründe
allen Handelns liegen für Christen im Glauben, Lieben und
Hoffen, wie sie sich aus dem Gebet und Gottesdienst speisen. Aber was
das jeweils für die konkreten Fragen der Gestaltung des
persönlichen bzw. gesellschaftlichen Lebens heißt,
das braucht die Fähigkeiten
•
wahrzunehmen,
•
in Beziehung zu setzen mit früheren und anderen
Erfahrungen,
•
Folgen abzuschätzen …
Da gilt: Gebrauche
deinen Verstand! Zur christlichen Tradition gehört es, in
ethischen und politischen Fragen die Weisheit der Vernunft zu
gebrauchen.
Die Lutherische Reformation
hat folgende Entscheidung eingeführt: Das ist die
Aufgabe der Kirche: Sie soll die Menschen darauf ausrichten, dass sie
das Heil ihres Lebens von Jesus Christus erwarten und annehmen. Die
Fragen von Sünde und Vergebung zu bearbeiten und die Prozesse,
in denen Menschen mit ihrem Leben vor Gott zurecht kommen, ist Sache
der Kirche. Die Kirche verirrt sich aber, wenn sie, die Mittlerin der
Heilung der Menschen sein soll, sich zugleich als Generalarchitektin
einer guten Gesellschaft sieht. Da müsse sich die Kirche
beschränken: Lebensordnungen in der Gesellschaft zu pflegen
ist ein anderer Auftrag Gottes, des Schöpfers. Das sollte
nicht mit kirchlichen Aufgaben vermischt werden. Wir müssen in
den gesellschaftlichen Ordnungen auf Gottes Gebote achten, Traditionen
respektieren, Vernunfteinsichten kultivieren; aber wir müssen
auch in Rechnung stellen, dass Menschen fehlerhaft handeln und sich
gegen Gottes Gebot vergehen.
Etwas anders wurde
es in der calvinistischen
Richtung der Reformation gesehen: Man erkannte aus Gottes
Verhalten zu den Menschen entsprechende Muster für das
Verhalten der Menschen untereinander – Muster auch
für die grundlegenden menschlichen und gesellschaftlichen
Verhältnisse, wie Ehe-Partnerschaft,
Arbeitsverhältnis, Staats-Ordnung. Dieser Ansatz spielt z.B.
mit bei dem Selbstverständnis mancher christlicher Gruppen in
den USA: Wir sind von Gott erwählt, eine bessere
Gesellschaftsordnung auch in anderen Ländern herzustellen.
Überall, wo
Gläubige in religiösen Texten
über-vernünftige Direktiven zu gesellschaftlichem
Handeln und Gestalten lesen, fallen alle menschlichen Fehler auf die
religiöse Autorität zurück.
Im 20. Jahrhundert
sahen viele die Schattenseiten des Lutherischen Ansatzes: Der Glaube an
Gott, wie er sich in der Geschichte von Jesus Christus zu Menschen
verhalten hat, spielt für die Privatpersonen eine Rolle; er
hat aber für die politischen Entscheidungen keine Bedeutung.
In der Barmer
Theologischen Erklärung hat die Bekennende Kirche in
Deutschland vor 75 Jahren (31. Mai 1934) weiter gedacht. In der 5.
These heißt es:
„Fürchtet
Gott, ehrt den König. (1. Petrusbrief 2,17)
Die Schrift sagt
uns, dass der Staat nach göttlicher Anordnung die Aufgabe hat,
in der noch nicht erlösten Welt, in der auch die Kirche steht,
nach dem Maß menschlicher Einsicht und menschlichen
Vermögens unter Androhung und Ausübung von Gewalt
für Recht und Frieden zu sorgen. Die Kirche erkennt in Dank
und Ehrfurcht gegen Gott die Wohltat dieser seiner Anordnung an. Sie
erinnert an Gottes Reich, an Gottes Gebot und Gerechtigkeit und damit
an die Verantwortung der Regierenden und Regierten. Sie vertraut und
gehorcht der Kraft des Wortes, durch das Gott alle Dinge trägt.
Wir verwerfen die
falsche Lehre, als solle und könne der Staat über
seinen besonderen Auftrag hinaus die einzige und totale Ordnung
menschlichen Lebens werden und also auch die Bestimmung der Kirche
erfüllen. Wir verwerfen die falsche Lehre, als solle und
könne sich die Kirche über ihren besonderen Auftrag
hinaus staatliche Art, staatliche Aufgaben und staatliche
Würde aneignen und damit selbst zu einem Organ des Staates
werden.“
Ich nehme diese
Aussagen auf: Gott hat nicht eine Gesellschaftsordnung
verkündet, wonach es einen König oder ein bestimmtes
Staatswesen geben solle. Aber Gott hat an-geordnet, dass Menschen nach
verbindlichen Regularien zusammen leben, so dass sie ihre Konflikte
nach Recht und auf Frieden hin regeln. In diesem ethischen Ansatz soll
die Kirche den Staat bestärken. Der Staat gebraucht dabei
soweit notwendig Mittel der rechtlich geregelten und kontrollierten
„Gewalt“:
Ihm steht zu,
„nach dem Maß menschlicher Einsicht und
menschlichen Vermögens unter Androhung und Ausübung
von Gewalt für Recht und Frieden zu sorgen“,
natürlich nicht nur mit den Mitteln der Gewalt, sondern auch
der Bildung usw.
Es ist nicht Sache
der Kirche, „neoliberal“ zu behaupten,
„je weniger Staat desto besser“. Aber sie gibt
Gesprächsbeiträge für die Bildung von
Humanität, zum Gelingen und zur Erneuerung menschlicher
Ressourcen sowie für die Orientierung in den Diskussionen.
Dazu erinnert sie allerdings „an Gottes Reich, an Gottes
Gebot und Gerechtigkeit und damit an die Verantwortung der Regierenden
und Regierten“. Die Kirche als die Gemeinschaft der Christen
mahnt Verantwortung an – nicht weil sie es besser
wüsste, aber um bewusst zu halten: in welcher Verantwortung
wir politisch entscheiden und bewahren und handeln.
2. Kirche
für alle Bedürftigen, und nicht nur für sich
Die Kirche hat von
sich ein Leitbild, wonach sie nicht mit Druck, nicht mit Gewalt
arbeitet. Sie mischt sich mit Worten ein und nimmt die
Hörenden als freie Subjekte ernst. Darum soll sie sich nicht
„über ihren besonderen Auftrag hinaus staatliche
Art, staatliche Aufgaben und staatliche Würde
aneignen“. Das ist um der Kirche selbst willen zu beachten.
Wo es die ethischen
Themen der Bibel nahe legen, bringt sich die Kirche mit ihren
Überlegungen in gesellschaftliche Debatten ein. Wie Gott alle
Menschen nach ihren Möglichkeiten würdigt, so werden
auch politisch Verantwortliche dazu aufgerufen, Verhältnisse
zu befördern, die alle Menschen menschenwürdig leben
lassen. So wird gesucht
•
wie die Schöpfung bewahrt werden kann;
•
wie Menschen so geholfen werden kann, dass sie so weit wie
möglich in die Lage kommen sich selbst zu helfen;
•
wie jegliche Ausbeutungsverhältnisse in
Verhältnisse gerechter Teilhabe überführt
werden können;
•
was menschliches Leben und Lebensumfeld fördert und
was es bedroht.
In den Traditionen
der biblischen Fundamente stecken Erwartungen: dass sich Christen in
diesen Herausforderungen engagieren und zu ihrem Teil Verantwortung
übernehmen.
Die Kirche ist aber
keine politische Partei; der gemeinsame
„Fluchtpunkt“ ihrer Glieder ist die Taufe. Deswegen
klagt sie höchstens Menschen an, die sich der Zuwendung Gottes
zu allen Menschen entgegen stellen. Ansonsten gehören Menschen
mit verschiedenen politischen Auffassungen zur Kirche. Da muss das
Gespräch offen gestaltet werden. Die Kirche bietet Raum
für „runde Tische“ zu kulturpolitischen,
bildungspolitischen, verkehrspolitischen u. a. politischen Fragen. Aber
sie identifiziert sich in der Regel nicht mit einer speziellen
politischen Richtung gegen andere demokratische Optionen. Sie legt ihre
Mitglieder auch nicht moralisch auf eine bestimmte parteipolitische
Linie fest.
Vielmehr ist es
Sache der Kirche, die ethischen Kriterien immer wieder in den Blick zu
nehmen, um die es bei allem politischen Interessen-Gerangel gehen
sollte: Was fördert das Zusammenleben im nahen und fernen, im
familiären bis zum globalen Zusammenhang?
Sorgt sich die
Kirche in gesellschaftlichen Auseinandersetzungen um ihr eigenes
Bestehen, ist sie politisch voreingenommen und kann selbst nicht mehr
zu einer weiter führenden gesellschaftlichen Dynamik helfen*.
Auf der anderen
Seite wird es hoffentlich unter Christen immer welche geben, die sich
mehr als andere Christen engagieren; die sich genauer informieren und
sich stärker einbringen; die mit weit reichendem
Verantwortungsbewusstsein Andere anregen oder aufregen, wecken oder
anstecken.
Und wieder: Wird es
glaubwürdig, dass sich Christen weniger um sich und weniger um
die Kirche sorgen müssen, weil sie dem fürsorglichen
Gott vertrauen? Dann könnten es gerade auch Christen sein, die
aus Interessenkämpfen etwas Verbissenheit rausnehmen.
*
Die Freiheit und die Kraft der Kirche
hängen nicht an bestimmten gesellschaftlichen Gegebenheiten.
Auch wenn das manchen nach ihren persönlichen Erfahrungen in
der DDR so erscheint, so haben doch andere die Erfahrung gemacht, dass
sie gerade trotz gesellschaftlicher Gängelungen und
Unterdrückungen gerade durch die Botschaft der Kirche Freiheit
und Kraft gewonnen haben. Und Bischof Wolfgang Huber erzählt
von der zeitgemäßen Freiheit eines Christenmenschen:
Sie sei ein „Freiheitsbewusstsein, das sich von allen selbst
gemachten Bedingungen und Folgen ebenso unabhängig
weiß wie von allen äußeren Bedingtheiten
und Bestimmtheiten“.