Wozu Kirchenglocken läuten
Manche
stören sich am Glockengeläut, für andere ist es ein
vertrauter Klang in ihrem Wohngebiet: Wie geht es Ihnen, wenn
Kirchenglocken läuten? Es gibt natürlich viele verschiedene
Kling-Klang-Klong-Glocken. Die großen Glocken der Kirchen sind
schon etwas Besonderes. Damit machen Kirchen laut auf sich aufmerksam.
Warum machen das Kirchen so? -
Rührt
die Kirche so die Werbetrommel für sich? Bimmelt sie um
Aufmerksamkeit für sich? Will sie etwa verstörend
aufscheuchen? -
Ich gehe
dem Läuten von Kirchenglocken auf ihre Sinnspur: Das Läuten
von Kirchenglocken ist eine gewachsene Tradition.
Jahrhundertelang
haben die Christen das kultische Läuten von Glocken anderen
Religionen überlassen. Ja, wenn wir ohne Liebe handeln, dann ist
das ein tönendes Erz oder eine klingende Schelle (1.
Korintherbrief 13, 1).
Irgendwann
fingen Mönche an, in ihrem Kloster nicht nur persönlich zu
den Gebetszeiten zu rufen, sondern mit einer Glocke.
Daran
fanden im Mittelalter auch Bauern und Handwerker Geschmack: Sie
übernahmen für die Kirchen in Dörfern und Städten
den Brauch, mit dem Läuten einer Glocke vom Turm der Kirche zum Gottesdienst zu rufen.
Später
wurde diese Sitte erweitert und es wurde regelmäßig morgens
und abends geläutet, auch wenn kein (Morgen- bzw. Abend-)
Gottesdienst stattfand: Die Glocke rief zur Arbeit und zum Feierabend;
ja, das war vielleicht eine Nebenfunktion – gedacht war aber: das
Läuten ruft zum Gebet.
Die Glocken
läuteten außerdem, wenn ein Mensch an das Ende seiner Zeit
gekommen war (Totenglocke oder Ewigkeitsglocke): wenn nichts mehr zu
machen war als - zu Gott zu beten.
Es kam aber
auch vor, dass zur Unzeit geläutet wurde: Das Läuten von
kleinen oder großen Glocken diente in vielen Kulturen der Abwehr
von Gefahren. So nun auch in christlichen Landen – es wurde
geläutet bei Feuer oder Wassersnot oder beim Nahen anderer Feinde.
Das gibt eine mittelalterliche Glockeninschrift wider:
die Lebenden rufe ich, die Toten beklage ich, Blitze breche ich.
Mitte des
15. Jahrhunderts führte der Papst die Sitte ein: Es solle zur
Unterstützung der Ungarn im Krieg gegen die andrängenden
Türken mittags um 12 Uhr geläutet werden.
Die
protestantischen Kirchen übernahmen den Brauch, zu Gottesdiensten
zu läuten sowie zu regelmäßigen täglichen
Gebetszeiten. So heißt es in den Leitlinien kirchlichen Lebens:
„Die Glocken rufen die Gemeinde zum Gottesdienst und laden zum
Gebet ein.“
Rechtlich
ist das Läuten von Kirchenglocken zum Gottesdienst und zum Gebet
in Deutschland geschützt. Darüber hinaus nur in
Katastrophen-Fällen.
Was ist,
wenn in unserer Kirche ein Konzert stattfindet? – Die Antwort der
Gemeindeleitung: Wir läuten unsere Kirchenglocke dann und nur
dann, wenn es ein geistliches Konzert ist.
Nun
könnten wir uns lange darüber Gedanken machen, was ein
„geistliches Konzert“ ist und was nicht. Das lässt
sich nicht eindeutig definieren.
Die Leitung
unserer Gemeinde hat sich die Frage gestellt: Sollten wir es so
verstehen, dass bei jedem Konzert geläutet wird, das von unserer
Gemeinde gewollt ist (und nicht nur Fremde in unserem Haus mit einem
Konzert gastieren) und das der Gemeinde dient? – Dafür gibt
es gute Argumente. Dennoch hat die Gemeindeleitung sich etwas anders
entschieden: Es soll nur zu solchen Konzerten geläutet werden, bei
denen der Sinn des Läutens von Kirchenglocken direkt erscheint.
Also, es soll geläutet werden,
- wenn die Musik Gebeten Ausdruck gibt bzw.
- wenn zum Konzert gehört, dass ausdrücklich ein Gebet bzw. Segen gesprochen wird.
Reinhard Kähler