Von Liebe und Tod
Wie
schon so oft war ich in Gernrode, um in einem evangelischen Konvent
eine Woche lang in der ottonischen Cyriakuskirche die altkirchlichen
Stundengebete zu singen. Am Sonnabend – nach der
abschließenden Messe (dem lutherischen Abendmahlsgottesdienst)
– besuchten wir wie immer ein nahe gelegenes Feierabend- und
Pflegeheim, um auf den Stationen zu singen.
Volkslieder
zur Gitarre zum Mitsingen, Kanons und einige weithin bekannte
Kirchenlieder. Eine Stationsschwester bat uns um einen besonderen
Dienst: Wir sollten für ein Ehepaar singen. Der Mann war schwer
krank. Es ging mit ihm wohl zu Ende. Also stellten wir uns vor der
bereits geöffneten Tür auf, um diesen Wunsch zu
erfüllen. Der hinfällige Greis lag im Bett. Seine Frau
saß bei ihm und hielt seine Hand. Die zierliche Frau sagte mir,
dass ihr Mann ihr so gern noch einmal beim Tanzen zuschauen
möchte. Ich tanzte mit der alten Dame einen Walzer. Sie lag in
meinen Armen leicht wie ein junges Mädchen. Der Chor sang dazu den
vierstimmigen Choralsatz von Johann Sebastian Bach: Lobe den Herren,
den mächtigen König der Ehren. Alle vier Strophen.
Anschließend suchte ich die Stille, um mich gründlich
auszuweinen. Was hatte mich so stark angerührt? Trauer war es
nicht. Vielmehr hatte ich – wie nie zuvor in meinem Leben - eine
so innige Liebe angesichts des Todes gesehen, die diese beiden alten
Menschen verband.
Wie ich später erfuhr, ist der Mann wenige Tage nach unserem Besuch sanft entschlafen.
Reinhard Winkelmann