Wir gehen in ein neues Jahr. – Oder sitzen wir da, und das neue Jahr kommt einfach über uns, wie das Wetter?
An der Schwelle zum neuen begleiten mich Wünsche: gute Gesundheit! Und bleib bewahrt!
Ein Beter der Bibel wünscht:
Gott, lass mich deine Wege erkennen,
damit ich in deiner Zuverlässigkeit gehe. (Psalm 86, 11)
In Ihrer Jugendzeit, zur Konfirmation oder nach der Schulzeit, hörten Sie vielleicht: „Finde deinen
Weg. Hock nicht nur unter der Dunstglocke deiner Eltern.“ Oder
Sie hörten nebenan: „Er wird schon seinen Weg machen.“
Nun aber: Gottes Weg erkennen?
Und: Gott geht zuverlässig mit?
Wenn wir von Gottes Wegen sprechen, dann nicht von fernen Wegen in einer anderen Welt, die uns nichts an-gehen.
Mit
Gott bringen wir zusammen: Er geht Wege, die uns zuverlässig
angehen. Und die sogar durch Klippen und Hängepartien hindurch
tragen.
Vielleicht ist das längst Ihr Bild von Gott:
Gott thront nicht nur über den Wolken: Er trifft uns immer wieder
unterwegs – vielleicht wie ein Windstoß, vielleicht wie ein
Aufleuchten zwischen den Wolken, vielleicht als Stein am Wegesrand,
vielleicht als Weggefährte. Gott schwebt nicht nur drüber;
manchmal könnte es scheinen als sei er unter-gegangen, aber er
steht auf und geht dazwischen …
Wenn wir ihn rufen zu kommen, wenn wir ihn mitgehen lassen, wenn wir ihn in uns ein-gehen lassen.
Wir können uns wünschen, die Wege Gottes kennenzulernen.
Schon dieser Wunsch ist gut für uns.
Er
wird nicht in dem Sinne erfüllt, dass ich genau erkennen
könnte, was auf mich zukommt. Ich bekomme kein GPS (Globales
Positions-Erkennungssystem) für Gottes Wege. Geschichten von
Jesus, die mit Gott zusammengebracht werden, sind wie Fußspuren
Gottes. Das regt mich an zu fragen, worauf ich achten könnte, wenn
ich Gott im Sinn trage. Dennoch kann es mir erst mal unklar sein, wie
Gott da hin kommt, wo ich unterwegs bin (Gottes Wege sind auch dunkel).
Gottes Wege erschließen sich, sofern überhaupt, im Nachhinein.
Nehme ich an, dass Gott mit-geht?
Dann gehen immer mal Gedanken an Gott mit.
Ich nenne zwei:
Wie Gott nicht mit seiner Schöpfung fertig
ist, so gehört zum Leben dazu, dass wir Wege gehen. Mir wird das
gerade, wenn ich an Gott denke, bewusst: Viele Wege können wir uns
sparen – die Lebensmittel gibt’s gebrauchsfertig, wir gehen
nicht mehr die (mehrfachen) Wege über den Acker, um die Kartoffeln
zu setzen, auszulesen, auszubuddeln, einzumieten usw.; wir telefonieren
bis ans Ende der Welt und brauchen dazu nicht mehr aus unserem Sessel
raus. Wenn wir uns nicht mehr auf Wegen be-wegen, merken nicht: wir
sind doch immer unterwegs. Sind wir nicht bewusst unterwegs, kosten wir
es auch nicht aus, endlich anzukommen. – Bleibe ich mit dem
mitgehenden Gott in Kontakt, sehe ich mich immer noch unterwegs.
Auf der anderen Seite leben wir nicht nur mit
Zielen, die wir erreichen wollen: Wir ruhen uns mal aus, mal hält
uns eine Krankheit zurück … Einer wurde gefragt, welchen
Lebensweg er gegangen sei. Nach kurzem Überlegen sagte er:
„Keinen. Es war das Leben, das mit mir auf und davon ging. (Nur
hab ich mich nicht aus Bequemlichkeit gesträubt und verkrochen.)
Was hinterher wie ein Weg aussieht, hat sich unmerklich an meine Fersen
geheftet.“ – So kann ich vielleicht auch hinterher Gottes
Wege in meinen Jahren entdecken. Wie er mir still und verborgen zur
Seite ging.
Wenn ich das glaube, dann kann ich versuchen, entsprechend zu „wandeln“ (wie Luther übersetzte).
Wer den mitgehenden Gott mit sich mitgehen
lässt, kommt nicht zu abschließenden Deutungen seiner
Lebenswege. Noch nicht. Überhaupt nicht. Ja, wir können
sagen: „Das habe ich getan, das war mein Bemühen, das habe
ich versucht, das war mein Weg.“ Was daran durchträgt, darum
bemühen wir uns ein Leben lang, und bis zu unserem letzten Tag
steht aus: Gott werde vollenden.
Gott vollende, was Sie im Jahr 2011 durchlaufen haben. Und Gott segne, was Sie im Jahr 2012 für Wege gehen.
Ich grüße Sie zum neuen Jahr
Ihr
Reinhard Kähler, Pfarrer in Ihrer Gemeinde