Angedacht

ein bewegtes Kirchenjahr liegt nun beinahe hinter uns. Wir haben Zeit miteinander verbracht. Wir haben gesungen und gebetet, wir haben aufeinander gehört und miteinander gestritten. Wir haben gearbeitet, gewartet, sind gereist, haben gebastelt, geschwiegen, gefeiert, gegrillt, geprobt. Wir sind uns näher gekommen, waren uns fremd. Manche Dinge sind angestoßen worden, jede und jeder hat Ideen und Wünsche für die kommende Zeit, für das neue Kirchenjahr.

Wir haben gerade das Erntedankfest gefeiert. Ein Fest des Gebens und des Dankens. Im vergangenen Jahr wurde es zum ersten Mal zusammen mit der Nachbargemeinde begangen, in einem fröhlichen Familien-Abendmahls-Festgottesdienst in der Johannisthaler Kirche. Dieses Jahr sind wir schon geübt. Wir kennen die richtige Uhrzeit, zu der ein Gottesdienst beginnen soll. Wir schauen auf ein halbes Jahr gemeinsamer Gottesdienste zurück, mal in der Kirche Zum Vaterhaus, mal im hellen Johannisthaler Kirchsaal.

Erntegaben haben den Weg über den Britzer Verbindungskanal gefunden. Menschen aus beiden Gemeinden haben großzügig gespendet, sie haben sich um den reich geschmückten Tisch versammelt, um zusammen Lieder anzustimmen und Gott für seinen reichen Segen zu danken.

„Wie es dir möglich ist: Aus dem Vollen schöpfend – gib davon Almosen! Wenn dir wenig möglich ist, fürchte dich nicht, aus dem Wenigen Almosen zu geben!“ (Tobit 4,8)

So sagt es der Spruch für den Monat Oktober. Das ist die großartige Dankesäußerung eines Menschen, der weiß, wie reich er gesegnet ist und der davon gerne weitergeben möchte. Es ist ein Erntedank-Spruch, der um die Fülle der Gnade Gottes weiß. Er stellt das Geben in einen neuen Zusammenhang. Der schließt die nächste Generation mit ein – ein Vermächtnis an das Kind. Es soll lernen, wie wunderbar es sein kann, „Almosen“ zu geben, den Bedürftigen zu sehen als Mitmenschen und geliebtes Kind Gottes. Da spielt es keine Rolle, ob großer Reichtum da ist oder nicht. Was zählt, ist die Geste und der Blick auf den anderen.

Auch wir sind am Ende des Kirchenjahres aufgefordert, den Blick auf andere zu legen. Wir nehmen uns wahr in einem Geflecht aus Beziehun-gen. Da spannen sich Fäden innerhalb von Familien oder Gemeinden, zwischen Menschen unterschiedlicher Herkunft, Gesinnung oder
Lebensphasen. Sie haben im Guten wie im Bösen miteinander zu tun. Manche Fäden reißen ab, einige davon können neu geknüpft werden, andere bleiben zerrissen.

Ende November denken wir an die Verstorbenen des letzten Jahres. Der Schmerz über endgültige Abschiede mag da mitunter überwältigen. Aber wir spüren in solchen dämmrigen Zeiten auch einmal mehr, dass unsere Gemeinschaft größer ist als das, was wir vor Augen haben. Die Lebenden und die Toten, sie gehören zusammen. Als der gottesfürchtige und ergebene Hiob alles verloren hat, was ihm lieb und teuer war, bekennt er in all seiner Verzweiflung:

„Aber ich weiß, dass mein Erlöser lebt.“ (Hiob 19,25)

Mit seinem Ausruf wider allen besseren Wissens hält der Betende, Klagende noch immer an seiner Hoffnung fest, dass er von Gott gehört und gesehen wird und dass der ihn letztlich zurecht bringt. Er zweifelt keinen Moment daran, Gott einst mit seinen Augen zu schauen. Hiobs Sehnsuchtsruf und seine Glaubensgewissheit, sie sollen uns diese dunkleren Tage heller machen und erwartungsvoll auf den Advent vorausblicken.

Ich wünsche Ihnen einen solchen Hoffnungsschein auf Ihrem Weg ins neue Kirchenjahr.

Ihre Julika Wilcke.