Archiv der Kategorie: Andacht

Angedacht

Die Sommerzeit geht ihrem Ende entgegen. Alle Verreisten kehren zurück. Die Gartenlauben werden ungemütlicher zum Übernachten. Abends leuchten wieder mehr Lichter in den Wohnungen und auch das Leben in der Kirchengemeinde nimmt seine gewohnten Bahnen ein. Manchmal sind es die alten, aber der Sommer hat nicht nur die Natur, sondern auch die Menschen ein Stück verändert. Für viele war es die Gelegenheit, in neue Rollen zu schlüpfen. Die Emsigen haben mal alle Fünfe gerade sein lassen. Die Schreibtischmenschen sind zu Wanderungen und Fahrradtouren aufgebrochen. Die Städterinnen und Städter haben geharkt, gegossen und geerntet. Die Binnenländer sind zur See gefahren. An manchen Sonntagen war es etwas leerer in der Kirche, an anderen kamen große Tauffamilien. Manche Aufgabe musste neu geregelt werden, weil auch unsere ehrenamtlichen Kräfte hin und wieder Urlaub brauchen. Zum ersten Mal die Glockenläuten, Vertretungsorganisten begrüßen, Lektorendienst übernehmen, Bürovertretungen meistern, die Sommermusiken begleiten, Pizza servieren für ein Blasorchester und vieles mehr.

Das waren die neuen Erfahrungen in dieser Sommerzeit.

Da gab es viel Unterstützung innerhalb unserer Gemeinden – die Johannisthaler Glocken läuteten in ihrem Übereifer sogar von selbst – mitten in der Predigt. Solche Momente haben Bewegung in unser Gemeindeleben gebracht.

Nun sind alle Kräfte wieder an Bord und wir blicken auf die kommende Zeit. Wichtige Wochen und Monate liegen vor uns, die es zu gestalten gilt. Allein in diesem Heft sind schon eine Menge verlockender Angebote zu finden: der Schulanfangsgottesdienst – zum ersten Mal an einem Freitagnachmittag, direkt vor dem großen Tag der Einschulung; ein Jugendgottesdienst zum Abschluss der obligatorischen WG-Woche; das Sommerfest der Gemeinden Baumschulenweg und Johannisthal mit Kuchen, Musik, Andacht und Feuer am Abend; Gemeindeversammlung an beiden Orten; das Treptower Orgeljubiläum; unsere diesjährige Familienfahrt nach Mötzow; der erste Gemeindeabend in Baumschulenweg; ein gemeinsamer Familiengottesdienst zu Erntedank in der Kirche Zum Vaterhaus. Dies sind nur einige Höhepunkte, die uns in den kommenden Wochen erwarten.

Ein noch wichtigeres Ereignis werden die Wahlen der neuen Gemeindekirchenräte am 3. November sein. Sie werfen bereits ihre Schatten voraus.

Mitten in allen Vorbereitungen, im Schuljahresanfang, am Ferienende leuchtet uns der Monatsspruch für August entgegen: „Geht und verkündet: Das Himmelreich ist nahe.“ Was für eine starke Botschaft. In den folgenden Versen des Matthäusevangeliums wird sie noch weiter ausgemalt: Gutes soll sich ausbreiten bei denen, die sich von Gottes Wort berühren lassen. Und dabei heißt es nicht, wartet auf die, die da kommen, sondern geht und verkündet.

Dazu möchte ich Sie ermutigen: Nehmen Sie unseren Gemeindegruß und geben Sie ihn gerne weiter. Laden Sie zu unseren spätsommerlichen Veranstaltungen ein, vom Einschulungsgottesdienst über die Geburtstagsfeiern unserer Gemeinden bis hin zur Familienfreizeit.

Machen Sie Menschen Mut, sich in unserer Gemeinde zu engagieren, vielleicht zunächst ungewohnte Aufgaben zu übernehmen oder sogar für die Wahl zum Gemeindekirchenrat zu kandidieren. Die Liste zur Kandidatur kann bis zum 19. August noch weiter gefüllt werden.

Und bleiben Sie in allem behütet auf Ihren Wegen hinaus in die Stadt.

Ihre Julika Wilcke.

Gedanken zum Monatsspruch Juli 2019

Sind Sie ein guter Zuhörer?
Das ist gar nicht immer so einfach.

Mir persönlich fällt es zuweilen schwer. Denn während mein Gegenüber redet, kommen mir häufig bereits viele Ideen und Gedanken. Hilfreiche Ratschläge. Alternativen zur Haltung des Gesprächspartners. Lösungen für seine Probleme. Doch sind diese gerade gar nicht gefragt. Noch mehr: Sie wären kontraproduktiv und unangebracht.

In der Seelsorge-Ausbildung lernen wir Vikar*innen, wie man aktiv zuhört. Ohne den Anderen unpassend zu unterbrechen und so zu bevormunden.

Dass man der Schwester oder dem Bruder im Glauben jederzeit anbietet, zuzuhören, ist ein hohes Gut. Besonders in der heutigen Zeit, in der viele Menschen wenig Zeit für ihre Mitmenschen haben. Das gilt leider auch für Pfarrerinnen und Vikar*innen.

Der Autor des neutestamentlichen Jakobus-Briefes sagt deswegen auch, dass wir „schnell zum Hören“ sein sollen. Das Christentum ist aus meiner Sicht deswegen nicht nur eine Erzählgemeinschaft, sondern auch eine Zuhörgemeinschaft.

Unser jeweiliger Gesprächspartner soll aber nicht mit gut gemeinten Ratschlägen überhäuft werden. Man sollte keine nützlichen Tipps geben, die eigentlich doch nur aus Phrasen und Binsenweisheiten bestehen. Wir sollen uns genau überlegen, wann wir was sagen. Was hilft dem Anderen wirklich und ist konstruktiv?

Seid „langsam zum Reden“ heißt es in Jakobus 1,19.

Auf das Zuhören und Ratschläge geben folgt eine dritte Aktion: Das aktive Handeln. Dieses sollte überlegt erfolgen – ohne starke Emotionen oder gefühlsmäßige Aufregung. Innere Ruhe ist bei der äußeren Aktion gefragt. Seid „langsam zum Zorn“ rät der Autor des Jakobusbriefes. Lasst euch nicht irrational von unsicheren Emotionen leiten.

So scheint uns ein fast 2000 Jahre alter Text Hinweise geben zu können, wie wir heute als Christen mit unseren Mitmenschen umgehen und kommunizieren sollen. Diese Fähigkeit des biblischen Textes, immer wieder direkt in unsere Gegenwart hineinzusprechen, beeindruckt mich immer wieder. Und ist einer der Gründe, warum ich selbst Pfarrer werden will.

Boris Witt,
Vikar in der Evangelischen
Kirchengemeinde Berlin Treptow

Angedacht

Liebe Gemeinde,

wer in dieser Jahreszeit mit dem Fahrrad durch die Königsheide fährt, kann den intensiven Geruch der Kiefern genießen, auf das Singen der Vögel lauschen oder die geblendeten Augen einen Moment im Schatten unter den dichten Baumwipfeln erholen.

Doch die Fahrt mag gerade zu dieser Jahreszeit allzu schnell halsbrecherisch enden. Dann sind die Wege derart ausgetrocknet und sandig, dass die Reifen bereits nach kurzer Zeit auf dem Hauptweg wegrutschten. Da hilft es kaum, sich am Lenker festzukrallen, früh oder später kommt, glaube ich, jeder noch so geübte Radfahrer ins Schleudern.

Wenn ich abgestiegen bin und missmutig mein Fahrrad an den Sandfeldern vorbei schiebe, sehe ich die Spuren all derer, die vor mir das gleiche Schicksal ereilt hat – die Tücken des Sommers.

Ich bevorzuge da den befestigten Umweg, der mich sicher ans Ziel führt.

Freundliche Reden sind Honigseim, süß für die Seele und heilsam für die Glieder.

(Sprüche 16,24)

Der Spruch für den Monat Juni aus dem Buch der Sprüche kennt den wunderbaren Geschmack von Sommer – den zuckersüßen Geschmack der Bienenspeise noch auf der Zunge, gibt er freundliche Hinweise zum gelingenden Umgang miteinander.

Er weiß, dass Honig nicht nur gut mundet, sondern heilsam für den ganzen Körper sein kann. Darum verwendet er das Bild des dickflüssigen Honigseims, der aus der Wabe fließt, für den recht schlichten Hinweis darauf, wie wohltuend freundliche Worte sein können. Ganz gleich, ob ich sie selbst ausspreche oder ob ich sie zugesprochen bekomme: Freundliche Worte können auf den ganzen Körper wirken, den Nacken hinunterkriechen und im Magen kitzeln. Sie können viel später noch Glücksgefühle hervorrufen, sobald ich an die Situation zurückdenke, so wie der Gedanke an einen Löffel mit Honig einen Moment des Glücks bedeuten kann.

Auch das Gegenteil ist uns nicht unbekannt: der Schlag in die Magengrube, wenn scharfe Worte getroffen haben. Dann kann das manchmal ebensolche körperlichen Auswirkungen bedeuten, stechend und schmerzhaft sein. Es ist also wichtig zu bedenken, wie Worte ankommen. Ob Lob oder Kritik, ob Kompliment oder Missfallen:

Wenn wir einem anderen Menschen etwas sagen, ihm etwas zumuten, sollte es heilsam sein für die Beziehung zwischen uns, für Leib und Seele. Selbst wenn es einmal schmerzt, kommt es vor allem darauf an: Einen süßen Nachgeschmack zu hinterlassen.

Ein jeder Mensch sei schnell zum Hören, langsam zum Reden, langsam zum Zorn.

(Jakobus 1,19)

Auch der Monatsspruch für Juli beschäftigt sich mit guten Wegen der Kommunikation. Wie können wir einander an unseren Gedanken und Entscheidungen teilhaben lassen und zufriedenstellende Ergebnisse erzielen?

Welche Rolle spielen die unterschiedlichen Größen in einem solchen Kommunikationsprozess?
Die Sendenden, die Empfangenden, die Botschaft selbst? Eine ganze Wissenschaft erforscht solche Prozesse.

Die schon im Frühling sandigen Wege in der Königsheide sind für mich jedenfalls eine dringende Botschaft: Die Natur hat sich immer noch nicht von der Hitze des letzten Jahres erholt. Ein weiterer solcher Sommer wäre katastrophal.

Es muss sich etwas ändern in unserer Welt, im Kleinen wie im ganz Großen. Wir dürfen den klimatischen Veränderungen nicht einfach freien Lauf lassen. Da braucht es auch mal eine klare Ansage an die Welt, an unsere Stadt, an jede und jeden Einzelnen!

Mich beeindruckt, wie klar die Proteste zahlloser Schülerinnen und Schüler mit ihrer Bewegung Friday’s for future ihre Botschaft kommunizieren und damit gesellschaftlich Akzente setzen. Sie sind nicht zornge-laden, aber direkt. Sie haben den wissenschaftlichen Klimaprognosen gründlich zugehört und reden nun in aller Klarheit. Sie lassen sich nicht einfach durch die Interessen von Erwachsenen vereinnahmen, sondern sprechen in Verantwortung für alle Generationen, die jetzt noch nicht die Entscheidungshoheit haben. Klarheit tut not.

Die Monatssprüche für Juni und Juli spornen uns zur Klarheit im Denken, Reden und Tun an. Die Schülerinnen und Schüler machen es vor: Ihnen geht es konkret um das Klima, sie bündeln ihre Kraft auf einen Wochentag. Dass nun gerade dieser Wochentag für die Kirche ein Zukunftstag ist, bewegt mich. In unserer Tradition feiern wir am Freitag, dass Gott durch seinen Sohn ein unmissverständliches und klares Zeichen der Liebe in die Welt trägt:

Das Kreuz am Karfreitag, Gott für uns, Gott für das Leben, klarer geht es nicht.

Ihre Julika Wilcke

Angedacht

Wie lebt es sich in unserer Gemeinde? Welches Bild von Kirche erhalten Menschen, die nur zufällig oder bei Gelegenheit mal bei uns vorbeischauen? Wie nehmen neu zugezogene Kirchenmitglieder unser Gemeindeleben wahr? Und wie nehmen wir uns selbst wahr – in unserem Bezug zu den anderen, die mal häufiger, mal weniger häufig Gottesdienste aufsuchen, zu Veranstaltungen in unseren Räumen kommen, vorbeischauen im Gemeindebüro, im Weltladen in der Baumschulenstraße, beim allmonatlichen Garteneinsatz in Johannisthal, in den Pfarrsprechstunden.

In meines Vaters Hause sind viele Wohnungen…

So steht es über dem Eingangsportal der Baumschulenweger Kirche. Von diesem Spruch aus dem Johannesevangelium leitet sich ihr Name Kirche Zum Vaterhaus ab. Der Name klingt altertümlich und, so nehme ich an, für Außenstehende fremd. Vaterhaus lässt schnell den problematischen Begriff Vaterland assoziieren. Der hat in Zeiten neu aufkeimender Nationalismus-Debatten schnell einen faden Beigeschmack. Ist das nicht viel zu exklusiv? Und – für viele immer wichtiger – wo bleibt da die Mutter, das Mütterliche?

Die Aussage Jesu ist eingebettet in die sogenannten Abschiedsreden, mit denen sich Jesus wortreich von den Seinen verabschiedet. Er möchte seinen Weggang positiv deuten und zugleich eine tröstliche Perspektive für das Leben der Menschen eröffnen.

Aber ist dieses Haus nun tatsächlich ein weites, offenes Haus, in dem alle Platz finden, wo unterschiedliche Erwartungen, Ansprüche, Lebensentwürfe und Biographien Raum haben?

Es ist unsere Aufgabe, dieses Haus Gottes zu füllen, es mitzugestalten und ihm die Weite zu schenken, die ihm von Gott zugesichert worden ist.

Ein Haus, in dem gemeinsam gelacht, gefeiert, gegessen und getrunken wird, das sicherlich auch mal den Ort wechseln kann. Neue Bewohnerinnen und Bewohner kommen hinzu und bereichern die Ausstattung der Zimmer, andere gehen. Sie hinterlassen Lücken. Es wird angebaut, ausgebaut, mitunter auch abgerissen. Manche Menschen werden darin auf Zeit beherbergt. Es ist ein Kommen und Gehen. Und es bietet noch so viel mehr: Ohren, die zuhören, Hände, die anpacken, Gärten, die Erholung versprechen. So vieles ist hier möglich und so viele Hoffnungen werden darinnen wahr.

In seinem Hause bietet Gott seinen Kindern elterlichen Schutz an. Es ist für alle da. Dies gilt, weil er seinen Sohn vorweggeschickt hat, um es vorzubereiten. In seinen schirmenden Wänden gehören sie zusammen, gehören sie zu ihm. Und dieses Haus steht nicht nur in der Baumschulenstraße, nicht nur am Sterndamm, es findet sich zu vielerlei Zeiten an unterschiedlichsten Orten, selbst da noch, wo Zeit und Ort vorbei sind.

Denn Christus spricht:

Im Haus meines Vaters gibt es viele Wohnungen. Sonst hätte ich euch nicht versprochen: Ich gehe dorthin, um einen Platz für euch bereit zu machen. Und wenn ich dorthin gegangen bin und einen Platz für euch bereit gemacht habe, werde ich wiederkommen. Dann werde ich euch zu mir holen, damit da, wo ich bin, auch ihr seid.

Ich wünsche Ihnen allen eine gesegnete Zeit durch den Frühling,

Ihre Julika Wilcke.

Mit Geduld und Spucke?

„Ich habe einfach keine Lust mehr auf Vergänglichkeit und Endlichkeit. Ich mag nicht einmal mehr einer Kerze beim Brennen zusehen.“

In diesen Wochen begegnet mir viel Leid und Kummer. Was da eine Betroffene so treffend in Worte gefasst hat, empfinden so manche ganz ähnlich.

An vielen Orten scheint der hoffnungsvolle Glanz des Weihnachtslichts verloschen zu sein. Menschen müssen Abschied nehmen von Verstorbenen, die ihnen nahe standen. Gebrechlichkeit und Krankheit bindet so manche von uns an die eigene Wohnung oder ein Pflegeheim und macht den Kontakt zur Außenwelt schwierig, wenn nicht gar unmöglich. Und dann sind da immer noch die vielen Gäste in unserer Stadt: Geflohen aus ihrer Heimat, geflohen aus Angst um ihr Leben und Wohlergehen, steht für sie die Zukunft in den Sternen. Wir sehen sie täglich, wir haben uns an ihre gefährdete Anwesenheit gewöhnt.

Zudem spüren wir die Auswirkungen des Klimawandels heftiger als vorausgesagt. Wir hören und sehen vom Elend zahlloser Menschen auf unserem Globus und sind beunruhigt. Leid und Kummer zu Beginn des Jahres, ein Vorgeschmack auf das, was kommt?

Das neue Jahr ist noch jung, und der Spruch für den Monat Februar haut uns all unser Leiden, unsere ganze Verzagtheit um die Ohren:

Ich bin überzeugt, dass dieser Zeit Leiden nicht ins Gewicht fallen gegenüber der Herrlichkeit, die an uns offenbart werden soll.

Römer 8, 18

So kann man doch nicht reden! Das darf man nicht.

Was der Apostel Paulus da schreibt, beißt sich mit unseren Erfahrungen. Die Leiden dieser Zeit dürfen nicht gewogen, abgemessen werden.

Sie sind unermesslich. Wir wissen das. Und weil wir das wissen, wäre es zynisch, sie zu relativieren und in ein Verhältnis zu setzen zu einer „Herrlichkeit“, die wir nicht sehen, nicht spüren, die zu einem anderen Zeitpunkt an uns offenbart werden soll. Aber bei Paulus geht es noch weiter:

„Denn das ängstliche Harren der Kreatur wartet darauf, dass die Kinder Gottes offenbar werden. Die Schöpfung ist ja unterworfen der Vergänglichkeit – ohne ihren Willen, sondern durch den, der sie unterworfen hat, doch auf Hoffnung; denn auch die Schöpfung wird frei werden von der Knechtschaft der Vergänglichkeit zu der herrlichen Freiheit der Kinder Gottes. Denn wir wissen, dass die ganze Schöpfung bis zu diesem Augenblick seufzt und in Wehen liegt. Nicht allein aber sie, sondern auch wir selbst, die wir den Geist als Erstlingsgabe haben, seufzen in uns selbst und sehnen uns nach der Kindschaft, der Erlösung unseres Leibes. Denn wir sind gerettet auf Hoffnung hin. Die Hoffnung aber, die man sieht, ist nicht Hoffnung; denn wie kann man auf das hoffen, was man sieht? Wenn wir aber auf das hoffen, was wir nicht sehen, so warten wir darauf in Geduld.“

Römer 8, 19-25

Nun ist es einmal gesagt – geschrieben, als Botschaft, die uns mitten in unserem Verzagen angesichts so vieler Vergänglichkeiten trifft. Und nun?

Es ist das nachdrückliche Wir und das Uns, was mich aufmerken lässt. Paulus redet von einer Wirklichkeit, die uns alle betrifft. Weder bin ich ein Einzelfall in all meiner Verzagtheit, noch kann ich mich herausneh-men aus dem allgemeinen Elend, mich zurücklehnen als Privilegierte, für die alles Seufzen und Sehnen nicht gilt.

Wir alle sind jene Kreaturen, sind die Schöpfung, die täglich seufzt und in Wehen liegt, wir hoffen so sehr auf ein Ende allen Elends. Insofern gehören wir zusammen, so, wie wir hier sind.

Nur ist mir nicht allzu oft danach, geduldig zu warten. Geduld ist etwas Zweischneidiges: Sie klingt so tugendhaft. Aber bremst Geduld uns nicht auch aus? Ist es richtig, geduldig zu warten, wenn doch Handeln angebracht wäre? Wenn ich so dringend etwas an den Tatsachen ändern möchte, kann ich dann hoffen auf das, was ich nicht sehe – und geduldig warten?

Paulus berührt die Geduld, die auch im Leid darauf vertraut, dass noch etwas kommt, was die Wirklichkeit verwandelt, ein Ziel, auf das es zu hoffen lohnt. Und er berührt die Geduld mit denen, die von Kummer oder Angst schwach geworden sind und die Kraft zum Hoffen gerade nicht finden: Ich weiß – und wer nicht –, wie rasch ein schwaches Hoffen umschlagen kann in Perspektivlosigkeit und Hoffnungslosigkeit. Ich weiß, dass nicht selten dem schwach Hoffenden die Geduld mit den an-deren abhandenkommt.

Ich gehöre also dazu. Wir alle gehören dazu, tragen unseren persönli-chen Anteil an dem Leiden dieser Zeit – in dem Maße, wie wir Kreaturen dieser Schöpfung sind.

Vielleicht kann man also doch so reden, wie Paulus es tut. Er verleiht unserem Leid und Kummer damit sicher keinen Sinn, er vermag es auch nicht zu relativieren. Aber er setzt es in einen neuen Zusammenhang und macht uns damit handlungsfähig. Er ist überzeugt, dass Gott sich an unsere Seite stellt in den Momenten unseres Lebens, in denen wir das nicht sehen können, worauf wir so gerne hoffen möchten. Wenn uns gerade der Blick dafür fehlt, will er uns „auf Hoffnung hin retten“: Dann bleibt das Warten in Geduld nicht ein passives, ausgeliefertes Verharren. Sondern es wird zum aktiven Geduldig sein mit mir selbst, mit meinem eigenen zweifelnden Hoffen und mit einer Welt, die derzeit nur „auf Sicht“ fährt. In solchen Zeiten tritt Gott an die Stelle all dessen, was wir nicht sehen, worauf wir nur hoffen können. „Auf Hoffnung hin gerettet zu sein“, lässt uns glauben, dass Gott alle seine verzagten Kreaturen zu Recht bringen wird – gegen allen Augenschein.

Die Kerze brennt trotzdem ab. Es gibt Zeiten, da mag man dabei nicht mehr zusehen.

Paulus erinnert mich daran, dass mit dem verglimmenden Kerzendocht aber das Licht noch lange nicht ausgeht.

Ich wünsche Ihnen, dass Sie gut durch diese schummrige Jahreszeit kommen und etwas spüren von jenem Licht, das uns hoffen lassen will gegen allen Augenschein.

Ihre Julika Wilcke

Ein Jahr neigt sich dem Ende…

Liebe Gemeinden in Johannisthal und Baumschulenweg,

ein Jahr neigt sich dem Ende. Für mich war es zugleich das erste Jahr hier in Oberspree-West, das erste in diesen beiden Gemeinden. Es war ein schnelles Jahr.

Viele von Ihnen habe ich kennengelernt, so manches über Ihre Gewohnheiten und Traditionen erfahren, ich habe Lachen und Sorgen erlebt. Ich bin hin und her gefahren, habe Bekanntschaft gemacht mit Orten, Wegen, Aufgaben, Abläufen und Wünschen in Johannisthal und Baumschulenweg. Und zwischendurch habe ich immer wieder gestaunt, wie schnell doch die Zeit verfliegt und man vertraut wird.

Nun blicke ich zurück, so, wie es am Ende eines Jahres unwillkürlich passiert – erst recht, wenn es das erste nach einem Neuanfang ist. Staunend stelle ich fest, wie vieles mir hier ans Herz gewachsen ist: Meine Fahrradfahrten zwischen den beiden Friedhofsteilen hindurch. Menschen, die vorbeikommen, kommen für Gespräche oder zum Anpacken. Der charakteristische Geruch im Baumschulenweger Gemeindehaus oder die kleine Gemeindeküche dort. Sie lockt zu allen Tageszeiten mit Tee und bietet einen schönen Blick hinein in den Welt-laden, jenseits des  Lichthofes. Durchs Fenster sehe ich die Filzblumensträuße auf der anderen Seite leuchten und plane einen kleinen Besuch dort drüben ein, ehe er schließt.

In Johannisthal ist es besonders der Spaziergang ums Gebäude herum. Hier habe ich im Frühling die Krokusse bewundert und im Herbst die Äpfel aus dem Gras gesammelt. Auf dem Weg vorbei an den läutenden Glocken fallen mir die Ohren ab, und ich freue mich, dass auf diese Weise die Kirche am Ort vor allem hörbar, wenn schon nicht sofort einsehbar ist. Und dann das gemeinsame Feiern von Gottesdiensten, zusammen mit vielen (oder manchmal auch weniger) Menschen.

Viele späte Abende, an denen wir uns gemeinsam Gedanken über das vielgestaltige Gemeindeleben gemacht und Ideen auf den Weg gebracht haben. Schließlich sitze ich in Momenten der Ruhe gerne im Johannisthaler Kirchsaal, mit Blick zum Altar und den Garten hinaus. Oder in einer Baumschulenweger Kirchenbank, beobachte, wie das einfallende Licht den Raum zu jeder Tageszeit anders wirken lässt, und atme tief ein.

Ein Innehalten: Wieder bleibt das vergangene Jahr ein unfertiges. Vieles von dem, was ich mir vorgenommen habe, steht noch aus. Da gibt es Besuche, für die ich mir nicht die Zeit genommen habe. Einige Gespräche möchten gerne fortgesetzt werden. Und so manche Entscheidung wurde bisher aufge-schoben. Es sind die Dinge, die einen zum Weitergehen einladen, ja auffordern.

Nun wird es wieder kühler und dunkler und auch ein wenig ruhiger um uns herum. Denn die Nacht kommt früher, und mit ihr die Sehnsucht nach dem Licht.

Die Adventszeit fordert zum Warten auf, bei aller Hektik, die sie mit sich bringt. Es bleibt eine Zeit des Wartens und der Sehnsucht nach Heil – für uns persönlich, in unseren Familien, Freundeskreisen oder in den Gemeinschaften, die uns zusammenbinden. Aber auch nach dem Heil einer seufzenden Welt. So vieles ist auch in diesem Jahr unerledigt geblieben. Noch immer sind Menschen auf der Flucht, noch immer warten viele auf Frieden und Befreiung. Der heiße Sommer, die Überflutungen und unkontrollierten Brände zeigen uns, dass wir uns viel mehr anstrengen müssen, um nachfolgenden Generationen einen lebenswerten Planeten zu hinterlassen.

All das Unfertige und Unbefriedigende unserer Welt steht uns in diesen Dezembertagen vor Augen. Es mag einen Schatten auf die Lichter des Advents werfen. Es mag den Blick nach oben verstellen, den hoffnungsvollen und erwartungsfrohen.

Dann sehen wir auf die Weisen, von denen uns die Bibel erzählt. Wir folgen ihrem Blick, suchen wie sie den Himmel ab nach Zeichen, die auf Besseres hindeuten. Auch sie haben sich auf den Advent vorbereitet. Sie haben immer wieder Ausschau gehalten. Ihr Sehen ebenso wie ihre Freude soll uns zum Vorbild werden. Der Spruch für den Monat Dezember erzählt davon: „Da sie den Stern sahen, wurden sie hoch erfreut.“ (Matthäus 2,10)

Innehalten und hinschauen – dazu will uns die Zeit des Advents einla-den. Sie führt unseren Blick einmal über den Himmel geradewegs hin zur Krippe. In ihr mündet unsere Vorfreude, in ihr werden wir gewahr, dass es nicht darauf ankommt, am Ende eines Jahres alles erledigt zu
haben, alle Vorsätze erfüllt und alle offenen Rechnungen beglichen zu haben. Diese Freude mündet in dem Licht, das unsere Sorgen und alle Unruhe besänftigt.

Ihre Julika Wilcke

Die Zeit der brennenden Lichter

Auf unserem Küchentisch steht eine kleine Öllampe, die ich geschenkt bekommen habe. Es ist kein besonderes Stück, ein paar Erinnerungen hängen daran. Außerdem ist sie ganz hübsch. Seit ein paar Tagen haben wir sie nun wieder in Betrieb genommen. Die Zeit der brennenden  Lichter kommt wieder. Mit dem Herbst wird Beleuchtung zum  wichtigen Thema. Ein wenig sehne ich mich nach dem heimeligen  Gefühl, durch herbstlich dunkle Straßen zu gehen und von außen die Lichter in den Fenstern der Stadt zu sehen. Wo Licht ist, da ist auch  Leben – so funktioniert jedenfalls meine romantische Assoziation. Der Herbst wird voll sein von Lichtern: Gedenklichter zum 9. November, Laternen zum Martinstag, Gebetslichter in der Kirche, Kerzen zum Ewigkeitssonntag und unsere Öllampe auf dem Küchentisch.  Die Lichter im Herbst stehen für Erinnern, Teilen, Gemeinschaft und Sehnsucht. Sie deuten auf Orte, die uns wichtig sind und uns berühren. Wir tun gut daran, in den nächsten Wochen solche Lichter anzuzünden, und damit unserer Sehnsucht nach gutem Leben einen Platz zu geben.

„Herr, all mein Sehnen liegt  offen vor dir, mein Seufzen war dir nicht verborgen.“ So sagt es der Spruch für den Monat  Oktober (Sprüche 38,10).  Unser Sehnen und Seufzen leuchten vor Gott auf wie die Lichter in unserer herbstlichen Stadt. Und so wie sie müssen auch unsere Sorgen nicht  verborgen bleiben. Vor Gott  haben sie ihren Ort. Im Herbst rücken uns die Sorgen näher, packen uns Wehmut und  Sehnsucht.

Wir denken an die Verstorbenen des vergangenen Kirchenjahres, um uns herum sehen wir die Vergänglichkeit in der Natur. Und auch wir selbst bleiben nicht die Alten.

Ich zünde ein Licht an. Es flackert in der Dunkelheit auf und erhellt seine Umgebung. Da leuchtet es: in der sandgefüllten Kerzenschale unseres Kirchenraums, auf dem Friedhof oder in der kleinen Öllampe auf unserem Küchentisch. Da leuchtet es als Zeichen, dass ich meine Sorgen vor Gott bringen kann und sie dort zu einem unverborgenen Hoffnungsschein werden können.

Ihre Julika Wilcke.
 
 

Monatsspruch September

Gott hat alles schön gemacht zu seiner Zeit, auch hat er die Ewigkeit in ihr Herz gelegt; nur dass der Mensch nicht ergründen kann das Werk, das Gott tut, weder Anfang noch Ende.
Prediger 3,11

Das Buch Prediger ist ein Buch über Lebenserfahrung. Es ist ein Buch geschrieben mit Lebenserfahrung. Ein Mensch betrachtet die Welt im Rückblick und versucht Bilanz zu ziehen. Beim ersten Lesen hat man den Eindruck, der Prediger sieht die Welt recht düster. Das liegt auch am Anfang des Buches: „Es ist alles ganz eitel, sprach der Prediger, es ist alles ganz eitel. Was hat der Mensch für Gewinn von all seiner Mühe, die er hat unter der Sonne? Ein Geschlecht vergeht, das andere kommt; die Erde aber bleibt immer bestehen.“ (Prediger 1,2-4) Ein Staubkorn auf einem unbedeutenden Planeten, der eine entlegene Sonne in den unendlichen Weiten des Universums umkreist – so kann ich mein Leben in der Tat beschreiben. Und einige Menschen erzählen mir, dass sie das ähnlich wahrnehmen, wenn sie in den Sternenhimmel schauen oder über die Weiten des Meeres bis zum Horizont oder von der Spitze eines Berges in die wolkenverhangenen Täler ringsum. Majestätisch ist das Wort, das mir für solche Eindrücke einfällt. Majestät ist Latein und heißt: Größe, Erhabenheit und Hoheit. Majestät ist ursprünglich Eigenschaft einer Gottheit. Der römische Kaiser Tiberius soll der erste gewesen sein, der Majestät als Herrschertitel führte. Den Prediger hätte Tiberius nicht sehr beeindruckt: „Ich, der Prediger, war König über Israel zu Jerusalem […] Ich tat große Dinge: Ich baute mir Häuser, ich pflanzte mir Weinberge […] Ich sammelte mir auch Silber und Gold und was Könige und Länder besitzen […] und war größer als alle, die vor mir zu Jerusalem waren. […] Als ich aber ansah alle meine Werke, die meine Hand getan hatte, und die Mühe, die ich gehabt hatte, siehe, da war es alles eitel und Haschen nach Wind und kein Gewinn unter der Sonne.“ (Prediger 1 und 2 in Auswahl) Größe, Erhabenheit, Hoheit gehören Gott. Und Gott deutet sie an in seiner Schöpfung. Mir, Mensch, bleibt sie zu betrachten – ob ich Kaiser bin oder Bettelmann. Und selbst wenn ich Kaiser bin, Sternenhimmel, Meer und Gebirge flüstern ganz deutlich: „Denke daran, dass du sterblich bist. Wir werden noch da sein, wenn du lange gestorben bist.“ Noch etwas anderes erlebe ich, wenn ich in den Sternenhimmel schaue oder über die Meereswellen zum Horizont oder vom Berggipfel in die Täler: Die Schönheit trifft mich. Und bei aller Last und Vergeblichkeit im Leben, und davon schreibt der Prediger ausführlich, ergreift die Schönheit der Schöpfung mein Herz. Mir ist es dann egal, auf welche Weise sich der Mond um die Erde, die Erde um die Sonne, die Sonne um den Mittelpunkt der Milchstraße dreht. Ich glaube in solchen Momenten: Hier gehöre ich hin. Und ich werde bleiben.

„Gott hat alles schön gemacht zu seiner Zeit, auch hat er die Ewigkeit in ihr Herz gelegt; nur dass der Mensch nicht ergründen kann das Werk, das Gott tut, weder Anfang noch Ende.“ (Prediger 3,11)

Einen schönen Herbstanfang wünscht Ihnen

Ihr Paulus Hecker

Summende Boten

Seit einiger Zeit habe ich einen neuen Lieblingsplatz gefunden. Jetzt sitze ich, wann immer ich einige Momente erübrigen kann, weit hinten in unserem Pfarrgarten. Er ist zu dieser Jahreszeit besonders schön und verwunschen. Licht und Schatten spielen dort miteinander. Die hohen Bäume machen den Ort angenehm kühl, und ich setze mich ins Gras oder rücke mir einen Stuhl zurecht, um einem ganz besonderen Schauspiel zu folgen: Dort an der Grenze zur Mörikestraße stehen seit zwei Monaten drei Bienenbeuten. Ein junger Imker war auf der Suche nach einer Bleibe für seine ersten eigenen Völker – und welchen besseren Ort kann man sich da vorstellen als dieses schöne Stück Garten. Ungestört fliegen die Bienen nun aus und ein. Sie krabbeln in die schmale Öffnung, und kaum, dass sie verschwunden sind, kommen schon die nächsten heraus, um sich für den Start bereitzumachen. Es ist ein ständiges Kommen und Gehen. Und doch vermitteln sie mir keine Hektik. Jede von ihnen scheint zu wissen, was gerade ihre Aufgabe ist.

Beim Beobachten der Bienenstöcke im Pfarrgarten kommt mir die Idee, mich mit dem Symbolgehalt dieser Insekten näher zu beschäftigen. Auch die Bibel erwähnt Bienen – allerding nur an vier Stellen, alle aus dem Alten Testament. Und bei dreien werden die Bienen nicht gerade als sympathische Zeitgenossen dargestellt. Da dienen sie als Bild für lästige Feinde, die das Volk Israel verfolgen (5. Mose 1,44), die den Menschen gefährlich umzingeln (Psalm 118, 12) oder sich wie eine Plage überall niederlassen (Jesaja 7, 18). Als Honigspenderinnen werden die Bienen indes nur einmal erwähnt – und auch diese Geschichte ist eigentlich ziemlich unappetitlich (Richter 14): Simson hatte einen Löwen ohne Waffen zerrissen und in dem Kadaver einen Bienenschwarm mit leckerem süßen Honig gefunden. Den hatte er gekostet und offenbar seine Eltern sogar mit der süßen Speise bestochen, sodass er die Frau heiraten durfte, die er gerne haben wollte. Auf seiner Hochzeitsfeier war ihm dann der Einfall gekommen, aus seinem Löwen- und Bienenerlebnis gleich ein Rätsel zu machen. Die Lösung: „Was ist süßer als Honig? Was ist stärker als der Löwe?“ Leider geht auch diese unterhaltsame kleine Geschichte nicht sehr friedlich aus.

Honig finden wir dagegen recht häufig, und in der reichen Symbolsprache des Alten Israels kommt ihm eine wesentlich vorteilhaftere Bedeutung zu als seiner Erzeugerin. Besonders populär ist sicherlich die Verheißung Gottes, sein erwähltes Volk in das Land zu führen, „da Milch und Honig fließen.“ Lange Zeit ging man davon aus, dass es sich dabei eigentlich gar nicht um ein Endprodukt der Honigbienen handelte, sondern um den dicken Saft der Feige, Dattel oder Trauben. Mittlerweile geben archäologische Funde Hinweise auf systematische Bienenzucht, die bis ins neunte oder zehnte vorchristliche Jahrhundert zurückreichen. Es gibt inzwischen spannende Hinweise auf das Material der Beuten – vorwiegend ungebrannter Ton – und auf die Bienenarten, die besonders gerne gezüchtet wurden.

Wer eine reiche Honigernte hatte, der galt als wunschlos glücklich. Dort, wo Milch und Honig fließen, ist deshalb in der biblischen Sprache das gelobte Land. Es ist eine Kurzform für alle wunderbaren Orte geworden bis hin zum Schlaraffenland.

Vielfach wurde der Honig auch mit dem Wesen der Kirche zusammengebracht. Der Heilige Ambrosius, einer der wichtigsten historischen Gestalten unserer Gottesdienstformen und der Kirchenmusik, muss ein besonders begabter Mensch gewesen sein. Die Leute fragten sich, wie er das wohl macht. Wie fallen ihm nur immer so beschwingte Lieder und so ergreifende Texte zu? Es kann nicht anders sein, als dass seine Wiege unter einem Bienenkorb gestanden haben muss, und die Bienen mit ihrem Honig alle Süßigkeit des Lebens in seinen Mund haben tropfen lassen.

Die Bienen passen wunderbar zum Kirchplatz am Baumschulenweg. Und auch in Treptow an der Bekenntniskirche stehen sie goldrichtig. Nicht nur an den Eingängen des Bienenstocks geht es geschäftig zu. Auch die Klinke der Gemeindebürotür wandert von einer Hand in die andere, von Emails und Telefonklingeln ganz zu schweigen. Aber auch die Süßigkeit des Lebens hat hier einen zentralen Platz. Zahlreiche Menschen sind unterwegs, um das Leben unserer Kirchengemeinden voranzubringen und zu versüßen. Neben den größeren Ereignissen – Himmelfahrt, Konfirmationen, Taufen und Gemeindefesten – gibt es zahlreiche Dinge, die zeigen, was in unseren Kirchengemeinden wichtig ist. Von den Blumen auf dem Altar, die Unterstützung in den Gemeindebüros, die Vorbereitungen unserer unterschiedlichen Veranstaltungen bis hin zu frisch gekochtem Tee und Kaffee bei Gemeindekreisen oder Sitzungen. Dieser Reichtum an Engagement möge in unseren Stadtteil ausstrahlen, wie das Gold fließenden Honigs. Denn tatsächlich haben wir darin einen Schatz. Wer einen Ort des Glaubens und der Gemeinschaft sucht, der sollte an die Orte unserer Gemeinden kommen, denn dort fließen oftmals Milch und Honig.

Hören kann ich das, wenn ich mein Fahrrad vor der Kirche anschließe und einen Moment lausche: In der reichen Baumschulenweger Fassadenbegrünung höre ich das vielstimmige, geschäftige Summen, vereint zu einem einzigen kraftvollen Klang. Dies ist ein ganz eigener Klang, vielversprechend, verheißungsvoll. Er erzählt vom lebhaften Treiben in unserer Region.

Ich wünsche Ihnen schöne Sommerwochen und freue mich auf ein Wiedersehen!

Ihre Julika Wilcke

Der Himmel über Berlin…

Langsam kann man sie aufsteigen sehen, wie kleine weiße Wölkchen am endlosen Blau.

Der Gottesdienst zu Himmelfahrt wird bei manchen von uns noch eine Weile nachklingen. Eindrücklich war der Blick nach oben, der den kleiner werdenden Luftballons folgte. Jeder von ihnen trug einen Zettel mit Gebeten, Bitten, Klagen, Dank oder Lob; Gedanken, die für Gott bestimmt waren und zum Himmel geschickt wurden.

Das, was einen beschwert, sieht für einen Moment lang leichter aus als ein Luftballon. So hing für einige Augenblicke ein Muster aus Gebeten über Johannisthal.

Inzwischen fangen die Linden an, ihren intensiven Duft zu verströmen. Ich ziehe ihn auf meinen Fahrradtouren zwischen Baumschulenweg und Johannisthal genussvoll ein. Für mich verbindet er sich mit starken Urlaubsgefühlen. Denn wenn die Linden in voller Blüte stehen, dann war für uns früher immer die Ferienzeit da. Dann sind wir mit der Familie in den Bayerischen Wald gefahren, oder wir waren irgendwo an der Ostsee unterwegs. Aber auch die Ausflugsziele der Heimat hatten ihre Linden und den dazugehörigen charakteristischen Ferienduft zu bieten. Aber auch andere Düfte und Klänge tragen dazu bei: Die Singvögel sind zurückgekehrt. Der abendliche Gesang einer Amsel auf dem Dachfirst oder das unermüdliche Gurren der Tauben auf einem Hof in der Mittagshitze, sie erzählen ebenso vom Sommer wie eine frisch gemähte Wiese, die ersten blühenden Rosensträucher oder Kiefernnadeln. Welche Signale künden für Sie den Sommer an?

Die ersten Menschen haben sich bereits in ihren Sommerurlaub verabschiedet. Die Reisesaison beginnt irgendwann im Mai und zieht sich bis weit in den September. Fast jede und jeder nimmt sich in diesen Monaten wenigstens einige Tage frei, um aus dem Alltag auszusteigen und etwas gänzlich anderes zu erleben. Für viele Menschen ist eine Reise das Mittel der Wahl. Der Ortswechsel, ein neues Klima, ungewohnte Landschaften, Wasser oder Berge, vielleicht sogar eine sportliche Herausforderung wie Radfahren, Wandern oder Segeln, all das können geeignete Mittel sein, um im gewohnten Trott für eine Weile innezuhalten. Wir können uns Zeit nehmen für andere Menschen – die Familie, eine gute Freundin oder Bekannte von früher, die wir schon seit Ewigkeiten nicht mehr gesehen haben. Und auch diejenigen, mit denen man den Alltag teilt, erhalten in der Urlaubszeit ein anderes Gesicht. Wir nehmen sie neu wahr: in Badehosen, T-Shirts oder einem entspannten Lächeln im Gesicht. Urlaubszeit bringt neue Seiten zum Glänzen, sie ist eine großartige Gelegenheit, Dinge aus einer veränderten Perspektive zu betrachten. Ist es eigentlich gut, wie die Dinge in letzter Zeit laufen? War ich seit dem letzten Urlaub überhaupt genug für die Eltern, Geschwister oder Freunde da? Womit könnte die Krankheit der Freundin zusammenhängen?

Urlaub kann auch bedeuten, dass ich ins Grübeln komme. Denn die veränderte Perspektive, das ungewohnte Licht oder der Abstand von allem, was sonst so wichtig scheint, sie können mitunter ganz schön ins Nachdenken bringen.

Urlaub bedeutet also eine Zäsur – nicht nur im Alltagstrott, sondern auch im Leben jeder und jedes Einzelnen. Er strukturiert die Lebensphasen: Ein Urlaub der Kindheit, diese nicht enden wollenden Ferien mit genussvollem Herumstreichen und all der Nähe zu Eltern oder Geschwistern, ist etwas ganz anderes als die USA-Reise mit der Freundin nach dem Abitur oder das Zelten mit der ersten großen Liebe. Wieder anders kann ein Urlaub bei den Eltern aussehen, wenn man auf der Terrasse seiner Kindheit sitzt und sich das Altvertraute mit dem völlig Fremden vermischt. Ich komme in solchen Momenten ins Grübeln darüber, was schon war, was noch kommt – und worauf ich vermutlich vergeblich warte.

In diesem Jahr werden mir bei solchen Gelegenheiten vielleicht die weißen Himmelfahrtsballons wieder in den Sinn kommen, wie sie durch den sommerlich-blauen Himmel geschwebt sind, mit all den Gebeten, Wünschen und kleinen Dankbarkeiten. Vielleicht sollten wir so etwas viel häufiger machen: kleine Stoßgebete mit einem Stock in den Sand am Meer schreiben und warten, dass die Wellen sie fortspülen. Oder einen Wunsch gegen die Gebirgswand schreien und nach dem Echo hören. Oder kleine Papierflieger mit unseren Ängsten und Sehnsüchten vollschreiben und von einem hohen Aussichtsturm hinuntersegeln lassen. Gott sieht unsere kleinen und großen Gesten, mit denen wir versuchen, unsere Welt zu verändern. Und er hat unsere Gebete längst gehört, noch bevor wir ihnen eine Form gegeben haben. Aber indem wir ihnen Formen verleihen und ihnen Wege bahnen – seien es ungewöhnliche oder auch ganz schlichte, machen wir sie auch für uns selbst sichtbar. Sie bekommen ein Gewicht, eine Farbe und etwas, woran wir uns auch später noch erinnern. Unsere Gebete bekommen eine Geschichte, sie markieren eine Zäsur und machen sich in unserer Beziehung zu Gott kenntlich.

Der Sommer ist auch die Zeit für erfrischend kühle Kirchen. An den verschiedensten Orten unserer bereisten Welt laden sie uns ein zu Einkehr, Besichtigung, Besinnung – und zum Gebet. Kerzen, Seitenaltäre, Kunstwerke, Musik und biblische Sprüche können Dinge sein, die dabei unser Beten mit bestimmen und unsere Worte in eine neue Richtung lenken.

Lassen Sie sich einladen, in der Welt auf Reisen ebenso wie bei uns zu Hause, in unseren Kirchen an der heimatlichen Spree.

Eine segensreiche Sommerzeit wünscht Ihnen
Ihre Julika Wilcke.