Archiv der Kategorie: Andacht

Summende Boten

Seit einiger Zeit habe ich einen neuen Lieblingsplatz gefunden. Jetzt sitze ich, wann immer ich einige Momente erübrigen kann, weit hinten in unserem Pfarrgarten. Er ist zu dieser Jahreszeit besonders schön und verwunschen. Licht und Schatten spielen dort miteinander. Die hohen Bäume machen den Ort angenehm kühl, und ich setze mich ins Gras oder rücke mir einen Stuhl zurecht, um einem ganz besonderen Schauspiel zu folgen: Dort an der Grenze zur Mörikestraße stehen seit zwei Monaten drei Bienenbeuten. Ein junger Imker war auf der Suche nach einer Bleibe für seine ersten eigenen Völker – und welchen besseren Ort kann man sich da vorstellen als dieses schöne Stück Garten. Ungestört fliegen die Bienen nun aus und ein. Sie krabbeln in die schmale Öffnung, und kaum, dass sie verschwunden sind, kommen schon die nächsten heraus, um sich für den Start bereitzumachen. Es ist ein ständiges Kommen und Gehen. Und doch vermitteln sie mir keine Hektik. Jede von ihnen scheint zu wissen, was gerade ihre Aufgabe ist.

Beim Beobachten der Bienenstöcke im Pfarrgarten kommt mir die Idee, mich mit dem Symbolgehalt dieser Insekten näher zu beschäftigen. Auch die Bibel erwähnt Bienen – allerding nur an vier Stellen, alle aus dem Alten Testament. Und bei dreien werden die Bienen nicht gerade als sympathische Zeitgenossen dargestellt. Da dienen sie als Bild für lästige Feinde, die das Volk Israel verfolgen (5. Mose 1,44), die den Menschen gefährlich umzingeln (Psalm 118, 12) oder sich wie eine Plage überall niederlassen (Jesaja 7, 18). Als Honigspenderinnen werden die Bienen indes nur einmal erwähnt – und auch diese Geschichte ist eigentlich ziemlich unappetitlich (Richter 14): Simson hatte einen Löwen ohne Waffen zerrissen und in dem Kadaver einen Bienenschwarm mit leckerem süßen Honig gefunden. Den hatte er gekostet und offenbar seine Eltern sogar mit der süßen Speise bestochen, sodass er die Frau heiraten durfte, die er gerne haben wollte. Auf seiner Hochzeitsfeier war ihm dann der Einfall gekommen, aus seinem Löwen- und Bienenerlebnis gleich ein Rätsel zu machen. Die Lösung: „Was ist süßer als Honig? Was ist stärker als der Löwe?“ Leider geht auch diese unterhaltsame kleine Geschichte nicht sehr friedlich aus.

Honig finden wir dagegen recht häufig, und in der reichen Symbolsprache des Alten Israels kommt ihm eine wesentlich vorteilhaftere Bedeutung zu als seiner Erzeugerin. Besonders populär ist sicherlich die Verheißung Gottes, sein erwähltes Volk in das Land zu führen, „da Milch und Honig fließen.“ Lange Zeit ging man davon aus, dass es sich dabei eigentlich gar nicht um ein Endprodukt der Honigbienen handelte, sondern um den dicken Saft der Feige, Dattel oder Trauben. Mittlerweile geben archäologische Funde Hinweise auf systematische Bienenzucht, die bis ins neunte oder zehnte vorchristliche Jahrhundert zurückreichen. Es gibt inzwischen spannende Hinweise auf das Material der Beuten – vorwiegend ungebrannter Ton – und auf die Bienenarten, die besonders gerne gezüchtet wurden.

Wer eine reiche Honigernte hatte, der galt als wunschlos glücklich. Dort, wo Milch und Honig fließen, ist deshalb in der biblischen Sprache das gelobte Land. Es ist eine Kurzform für alle wunderbaren Orte geworden bis hin zum Schlaraffenland.

Vielfach wurde der Honig auch mit dem Wesen der Kirche zusammengebracht. Der Heilige Ambrosius, einer der wichtigsten historischen Gestalten unserer Gottesdienstformen und der Kirchenmusik, muss ein besonders begabter Mensch gewesen sein. Die Leute fragten sich, wie er das wohl macht. Wie fallen ihm nur immer so beschwingte Lieder und so ergreifende Texte zu? Es kann nicht anders sein, als dass seine Wiege unter einem Bienenkorb gestanden haben muss, und die Bienen mit ihrem Honig alle Süßigkeit des Lebens in seinen Mund haben tropfen lassen.

Die Bienen passen wunderbar zum Kirchplatz am Baumschulenweg. Und auch in Treptow an der Bekenntniskirche stehen sie goldrichtig. Nicht nur an den Eingängen des Bienenstocks geht es geschäftig zu. Auch die Klinke der Gemeindebürotür wandert von einer Hand in die andere, von Emails und Telefonklingeln ganz zu schweigen. Aber auch die Süßigkeit des Lebens hat hier einen zentralen Platz. Zahlreiche Menschen sind unterwegs, um das Leben unserer Kirchengemeinden voranzubringen und zu versüßen. Neben den größeren Ereignissen – Himmelfahrt, Konfirmationen, Taufen und Gemeindefesten – gibt es zahlreiche Dinge, die zeigen, was in unseren Kirchengemeinden wichtig ist. Von den Blumen auf dem Altar, die Unterstützung in den Gemeindebüros, die Vorbereitungen unserer unterschiedlichen Veranstaltungen bis hin zu frisch gekochtem Tee und Kaffee bei Gemeindekreisen oder Sitzungen. Dieser Reichtum an Engagement möge in unseren Stadtteil ausstrahlen, wie das Gold fließenden Honigs. Denn tatsächlich haben wir darin einen Schatz. Wer einen Ort des Glaubens und der Gemeinschaft sucht, der sollte an die Orte unserer Gemeinden kommen, denn dort fließen oftmals Milch und Honig.

Hören kann ich das, wenn ich mein Fahrrad vor der Kirche anschließe und einen Moment lausche: In der reichen Baumschulenweger Fassadenbegrünung höre ich das vielstimmige, geschäftige Summen, vereint zu einem einzigen kraftvollen Klang. Dies ist ein ganz eigener Klang, vielversprechend, verheißungsvoll. Er erzählt vom lebhaften Treiben in unserer Region.

Ich wünsche Ihnen schöne Sommerwochen und freue mich auf ein Wiedersehen!

Ihre Julika Wilcke

Der Himmel über Berlin…

Langsam kann man sie aufsteigen sehen, wie kleine weiße Wölkchen am endlosen Blau.

Der Gottesdienst zu Himmelfahrt wird bei manchen von uns noch eine Weile nachklingen. Eindrücklich war der Blick nach oben, der den kleiner werdenden Luftballons folgte. Jeder von ihnen trug einen Zettel mit Gebeten, Bitten, Klagen, Dank oder Lob; Gedanken, die für Gott bestimmt waren und zum Himmel geschickt wurden.

Das, was einen beschwert, sieht für einen Moment lang leichter aus als ein Luftballon. So hing für einige Augenblicke ein Muster aus Gebeten über Johannisthal.

Inzwischen fangen die Linden an, ihren intensiven Duft zu verströmen. Ich ziehe ihn auf meinen Fahrradtouren zwischen Baumschulenweg und Johannisthal genussvoll ein. Für mich verbindet er sich mit starken Urlaubsgefühlen. Denn wenn die Linden in voller Blüte stehen, dann war für uns früher immer die Ferienzeit da. Dann sind wir mit der Familie in den Bayerischen Wald gefahren, oder wir waren irgendwo an der Ostsee unterwegs. Aber auch die Ausflugsziele der Heimat hatten ihre Linden und den dazugehörigen charakteristischen Ferienduft zu bieten. Aber auch andere Düfte und Klänge tragen dazu bei: Die Singvögel sind zurückgekehrt. Der abendliche Gesang einer Amsel auf dem Dachfirst oder das unermüdliche Gurren der Tauben auf einem Hof in der Mittagshitze, sie erzählen ebenso vom Sommer wie eine frisch gemähte Wiese, die ersten blühenden Rosensträucher oder Kiefernnadeln. Welche Signale künden für Sie den Sommer an?

Die ersten Menschen haben sich bereits in ihren Sommerurlaub verabschiedet. Die Reisesaison beginnt irgendwann im Mai und zieht sich bis weit in den September. Fast jede und jeder nimmt sich in diesen Monaten wenigstens einige Tage frei, um aus dem Alltag auszusteigen und etwas gänzlich anderes zu erleben. Für viele Menschen ist eine Reise das Mittel der Wahl. Der Ortswechsel, ein neues Klima, ungewohnte Landschaften, Wasser oder Berge, vielleicht sogar eine sportliche Herausforderung wie Radfahren, Wandern oder Segeln, all das können geeignete Mittel sein, um im gewohnten Trott für eine Weile innezuhalten. Wir können uns Zeit nehmen für andere Menschen – die Familie, eine gute Freundin oder Bekannte von früher, die wir schon seit Ewigkeiten nicht mehr gesehen haben. Und auch diejenigen, mit denen man den Alltag teilt, erhalten in der Urlaubszeit ein anderes Gesicht. Wir nehmen sie neu wahr: in Badehosen, T-Shirts oder einem entspannten Lächeln im Gesicht. Urlaubszeit bringt neue Seiten zum Glänzen, sie ist eine großartige Gelegenheit, Dinge aus einer veränderten Perspektive zu betrachten. Ist es eigentlich gut, wie die Dinge in letzter Zeit laufen? War ich seit dem letzten Urlaub überhaupt genug für die Eltern, Geschwister oder Freunde da? Womit könnte die Krankheit der Freundin zusammenhängen?

Urlaub kann auch bedeuten, dass ich ins Grübeln komme. Denn die veränderte Perspektive, das ungewohnte Licht oder der Abstand von allem, was sonst so wichtig scheint, sie können mitunter ganz schön ins Nachdenken bringen.

Urlaub bedeutet also eine Zäsur – nicht nur im Alltagstrott, sondern auch im Leben jeder und jedes Einzelnen. Er strukturiert die Lebensphasen: Ein Urlaub der Kindheit, diese nicht enden wollenden Ferien mit genussvollem Herumstreichen und all der Nähe zu Eltern oder Geschwistern, ist etwas ganz anderes als die USA-Reise mit der Freundin nach dem Abitur oder das Zelten mit der ersten großen Liebe. Wieder anders kann ein Urlaub bei den Eltern aussehen, wenn man auf der Terrasse seiner Kindheit sitzt und sich das Altvertraute mit dem völlig Fremden vermischt. Ich komme in solchen Momenten ins Grübeln darüber, was schon war, was noch kommt – und worauf ich vermutlich vergeblich warte.

In diesem Jahr werden mir bei solchen Gelegenheiten vielleicht die weißen Himmelfahrtsballons wieder in den Sinn kommen, wie sie durch den sommerlich-blauen Himmel geschwebt sind, mit all den Gebeten, Wünschen und kleinen Dankbarkeiten. Vielleicht sollten wir so etwas viel häufiger machen: kleine Stoßgebete mit einem Stock in den Sand am Meer schreiben und warten, dass die Wellen sie fortspülen. Oder einen Wunsch gegen die Gebirgswand schreien und nach dem Echo hören. Oder kleine Papierflieger mit unseren Ängsten und Sehnsüchten vollschreiben und von einem hohen Aussichtsturm hinuntersegeln lassen. Gott sieht unsere kleinen und großen Gesten, mit denen wir versuchen, unsere Welt zu verändern. Und er hat unsere Gebete längst gehört, noch bevor wir ihnen eine Form gegeben haben. Aber indem wir ihnen Formen verleihen und ihnen Wege bahnen – seien es ungewöhnliche oder auch ganz schlichte, machen wir sie auch für uns selbst sichtbar. Sie bekommen ein Gewicht, eine Farbe und etwas, woran wir uns auch später noch erinnern. Unsere Gebete bekommen eine Geschichte, sie markieren eine Zäsur und machen sich in unserer Beziehung zu Gott kenntlich.

Der Sommer ist auch die Zeit für erfrischend kühle Kirchen. An den verschiedensten Orten unserer bereisten Welt laden sie uns ein zu Einkehr, Besichtigung, Besinnung – und zum Gebet. Kerzen, Seitenaltäre, Kunstwerke, Musik und biblische Sprüche können Dinge sein, die dabei unser Beten mit bestimmen und unsere Worte in eine neue Richtung lenken.

Lassen Sie sich einladen, in der Welt auf Reisen ebenso wie bei uns zu Hause, in unseren Kirchen an der heimatlichen Spree.

Eine segensreiche Sommerzeit wünscht Ihnen
Ihre Julika Wilcke.

Das Hohelied der Liebe

Dies ist die Mitgliederzeitschrift einer evangelischen Kirchengemeinde. Wenn Sie hier das Wort Liebe lesen, dann sind ihre Gedanken sicher schon bei der Nächstenliebe, bei der Liebe, die Gott uns schenkt, bei der Liebe, die in unserer Gemeinde spürbar werden soll, bei der Liebe, die wir den Menschen in der Welt weitergeben sollen. Auch in meinen Predigten ist das die Liebe, von der ich meistens spreche. Kirchlich akzeptabel ist ja auch noch die Liebe zwischen Eltern und Kindern. Bei vielen Taufen kann ich über diese Liebe reden. Oder die Liebe zwischen zwei Menschen in einer festen Partnerschaft, das ist das Thema bei den meisten Hochzeitsansprachen. Jetzt soll es um noch eine andere Liebe gehen.

In einer Kirchengemeinde und in meinem Pfarreralltag geht es sehr selten um verbotene Liebe, um erotische Liebe, um die junge, brennende, unvernünftige, körperliche Liebe. Darum geht es allerdings im biblischen Buch „das Hohelied Salomos“. Das Buch ist eine Sammlung von erotischen Gedichten – interessanterweise häufiger aus der Perspektive einer Frau als aus der Perspektive eines Mannes. In farbenfrohen Bildern wird beschrieben, wie die Liebenden versuchen zueinander zu kommen, wie sie umeinander kreisen. Sie vermissen sich, wenn sie getrennt sind, und verabreden heimliche Schäferstündchen. Vieles wird in farbenfrohen Bildern und Vergleichen beschrieben. An manchen Stellen wird das Hohelied sehr eindeutig: „Seine Linke liegt unter meinem Haupt, und seine Rechte herzt (streichelt) mich.“ (Das Hohelied Salomos 8,3)

Für die jüdischen Gelehrten des Altertums war das Hohelied eine Parabel auf die Liebe Gottes zu seinem Volk Israel. Im Mittelalter haben Nonnen und Mönche das Hohelied als Beschreibung der Beziehung zwischen Gott und der gläubigen Seele gedeutet. Für Johann Gottfried Herder war das Hohelied eine Sammlung von Liebesliedern für tugendhafte Eheleute. In den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts sah man es als Zeugnis für die freie Liebe. Das ist nur eine kleine Auswahl von Interpretationen für das Hohelied Salomos. Liebesgedichte können sehr unter schiedliche Bilder in Menschen wecken.

Jesus vergleicht Gottes Reich mit Weizen, der auf dem Acker wächst (Markus 4,26–29). Er vergleicht Gottes Handeln mit dem Handeln eines Vaters (Lukas 15,11–32) oder dem Handeln eines Großgrundbesitzers, der seine Arbeiter bezahlt (Matthäus 20,1–16). In diesen alltäglichen Erzählungen erkenne ich Gott. Dann kann ich auch in Liebesgedichten etwas über das Verhältnis von Gott und Mensch erkennen. Im Film „Sister Act – Eine himmlische Karriere“ kommt eine Nachtklubsängerin in ein Kloster. Und siehe da, die Liebeslieder aus ihren Klubkonzerten werden in einer Kirche zu Gebeten. Liebeslieder in der Bibel werden zu aufregenden Vergleichen für die Beziehung zwischen Gott und Mensch. In den Bibelgesprächen dieses Jahr werden wir über das Hohelied Salomos sprechen. Ich bin sehr gespannt.

Paulus Hecker

Wo Gott für DICH ist?

Es ist das Wort ganz nahe bei dir, in deinem Munde und in deinem Herzen, dass du es tust.
(5. Mose 30,14)

  • Das sind doch nur Behauptungen. Du sprichst von Gott. Du sagst, Gott ist dir ganz nah. Du erzählst von Erfahrung mit Gott. Selbst wenn ich dir das glaube: Wo ist Gott für mich?

Das ist eine Frage, die nur du beantworten kannst. Es ist wahr: Ich rede von Gott „als ob“ – als ob Gott ein Tisch wäre, als ob Gott ein Gefühl wäre, als ob Gott eine Person wäre. Das ist der einzige Weg, auf dem ich Erfahrungen erzählen kann. Ich kann erzählen, was ich erlebt habe. Ich kann erzählen, was ich empfunden habe. Ich kann erzählen, was ich denke. Es wird immer meine Erzählung bleiben, meine Geschichte.

  • Dann erwartest du, dass ich an Gott glaube, weil ich dir glaube? Das ist mir zu schwach.

Meine Geschichten sind nur einige der unendlich vielen Geschichten, die Menschen von ihren Erfahrungen mit Gott erzählt haben. Ich gebe dir Recht. Was Menschen dir erzählen können, ist zu schwach, um deinen Glauben zu begründen. Die Glaubensgeschichten anderer Menschen sind Wegweiser – bestenfalls.

  • Wegweiser wohin? Wenn ich mir anhöre, was Menschen von Gott erzählen, fällt mir nur auf, wie unterschiedlich diese Geschichten sind.

Menschen erzählen von Gott aus ihrem eigenen Leben. Das macht diese Geschichten so unterschiedlich. Selbst wenn Menschen dasselbe erlebt haben. Das 5. Buch Mose ist ein kurioser Abschluss für die fünf Bücher des Mose. Im Judentum wird das Buch manchmal „Wiederholung der Weisung“ genannt. Nachdem das Volk Israel gemeinsam 40 Jahre durch die Wüste gezogen ist, sind sie endlich kurz vor dem Ziel ihrer Reise. Im 5. Buch Mose sind die Abschiedsreden des Mose. Im Prinzip wiederholt Mose darin noch einmal alles, was in den 40 Jahren Wüstenwanderung passiert ist – also das, was im 2., 3. und 4. Buch Mose steht. Das sind „Geschichtsbücher“, sie berichten über Mose, über Aaron und Mirjam, über das Volk. Im 5. Buch Mose macht Mose daraus seine persönliche Geschichte. Er sagt: „Ich habe das erlebt.“ Er erzählt welche Erfahrungen er mit Gott auf dem Weg durch die Wüste gemacht hat. Am Ende seiner dritten Rede (5. Mose 30) fordert Mose seine Zuhörerinnen und Zuhörer auf, ihr eigenes Bekenntnis zu bilden. „Ich habe von mir erzählt, jetzt seid ihr dran, eure Lebensgeschichte zu erzählen – ihr könnt sie ohne Gott erzählen, ihr könnt sie mit Gott erzählen. Ich sage euch: Gott ist in eurem Leben.“ 

  • Du meinst ich soll mein Leben verstehen, „als ob Gott da ist“?

Ja. Ich glaube, wenn du dein eigenes Leben liest, als ob Gott da ist, wirst du Gott zwischen den Zeilen finden. Die Lebensgeschichte von anderen, das Gespräch in der Familie und in der Gemeinde ist ein Impuls, so eine Art Landkarte. „Wo Gott für dich ist?“ wirst du in dir finden. „Das Wort ist ganz nahe bei dir, in deinem Munde und in deinem Herzen, dass du es tust.“ Das wünsche ich dir.

Paulus Hecker

Adventszeit

Liebe Leserinnen und Leser!

Vor uns liegt die Adventszeit! Haben Sie Ihren Wunschzettel schon geschrieben? Spüren Sie noch etwas von dem aufregenden Kribbeln, das für viele Kinder mit der Advents- und Weihnachtszeit verbunden ist? Ich glaube, keine Kirchenjahreszeit ist mit so hohen Erwartungen verknüpft, mit so großer Sehnsucht gefüllt wie die Adventszeit! Die einen freuen sich auf diese vier Wochen im Dezember; die anderen stöhnen, wenn sie an all die Vorbereitungen denken, an den Konsumterror oder die Inflation der sogenannten Weihnachtsfeiern. Viele nehmen sich vor, einen „Anderen Advent“ zu feiern: mit besinnlichen Zeiten und religiösen Impulsen; andere haben schon aufgegeben, noch irgendetwas Außergewöhnliches zu erwarten.

Der Monatsspruch für Dezember nimmt uns in das adventliche Geschehen hinein. Dabei wird der alte Priester Zacharias ins Blickfeld gerückt. Ihm und seiner Frau Elisabeth wird die Geburt eines Sohnes angekündigt, nachdem das alte Ehepaar diese Hoffnung schon lange begraben hatte. Zacharias ist erschrocken und verunsichert und bittet um ein Zeichen, damit er erkennen kann, dass diese Versprechungen wahr sind. Daraufhin wird er stumm – es verschlägt ihm sozusagen die Sprache! Neun Monate hat Zacharias geschwiegen. Neun Monate Stille und Zeit zum Nachdenken, zum Hören und Lauschen – Zeit, um die Sinne zu schärfen.

„Stille Zeit im Advent“ oder “Offene Kirche im Advent“ – unter solch einem Titel gibt es mittlerweile in vielen Gemeinden besinnliche Angebote in der Adventszeit. Menschen entdecken mitten in der geschäftigen Advents- und Vorweihnachtszeit, wie wohltuend Zeiten der Stille sein können. Sich ab und zu bei gedämpften Licht oder Kerzenschein eine halbe Stunde in die Kirche setzen, die Stille genießen und die wohltuende Atmosphäre in der Kirche.

Ablegen und loslassen, was das Herz beschwert und frei werden für Neues, für Wesentliches, für eine Botschaft von Gottes heiliger Geistkraft…

Zacharias jedenfalls preist nach seiner „stillen Zeit“ die großen Taten Gottes und erinnert an die Versprechen, die Gott seinem Volk gegeben hat. Es ist ein mächtiger Strom von Erinnerungen an Gottes Nähe, an Gottes Rettungen in der langen Geschichte Israels, ein Strom des Lebens, der wieder lebendig machen will, der herausholen will aus dem Elend der Resignation.
Zacharias brauchte so eine stille Zeit, um dem Wunder Raum zu geben, um die unglaubliche Botschaft des Engels zu verstehen. In der Stille wächst ihm die Kraft zu, den Auftrag des Engels anzunehmen und in die Tat umzusetzen. Zacharias findet seine Aufgabe, am Reich Gottes mitzuwirken: als Vater, der zu seinem Sohn und seiner Frau steht; als Mensch, der dem Wort Gottes vertrauen lernt und es lebt. Wir lesen diesen Text mit einer anderen Perspektive: Im Gegensatz zu Zacharias müssen wir nicht mehr auf das Kommen von Jesus warten. Wir feiern Weihnachten, weil Jesus bereits gekommen und mit ihm die Herrschaft Gottes sichtbar in dieser Welt angebrochen ist. Der Monatsspruch lädt uns ein, dass wir uns wie Zacharias von dieser guten Botschaft anstecken lassen.

Zacharias bekennt: Das Handeln Gottes ist von seiner „herzlichen Barmherzigkeit“ geprägt. Auch wenn vieles in dieser Welt belastend ist, wenn Lebenssituationen unfassbar sind, wenn Gott weit weg scheint – er meint es gut mit uns.
Zacharias bekennt: Gott kommt in besonderer Weise zu „denen, die in Finsternis und Schatten des Todes sitzen“. Das ist der Zuspruch an alle diejenigen, die sich nach Veränderung ihrer Situation sehnen.

Zacharias bekennt: Wo Menschen „ihre Füße auf den Weg des Friedens richten“, da beginnt Schalom – Frieden. Da geschieht Versöhnung und Veränderung. Und zugleich werden wir zu Friedensboten, die diesen Frieden durch Wort und Tat anderen Menschen zeigen.
Advent heißt, Gottes Hoffnung für uns wird wahr, auch wenn wir an Jahren oder Enttäuschungen und Resignation so alt sind wie Elisabeth oder Zacharias. Die Zukunft steht vor der Tür und sie speist sich wie bei Zacharias und Elisabeth aus uralten Träumen von Frieden, Segen und gelingendem Leben. Advent und Weihnachten heißt, den Bann brechen, die Resignation besiegen. Advent, das ist die Zeit, in der Gott uns einlädt, die Hoffnung wieder neu in unser Herz einwurzeln zu lassen, sie wieder neu erblühen zu lassen, damit in unserem Herzen Weihnachten werden kann.

Deswegen liegen Advent und Weihnachten immer schon hinter uns und breiten sich doch immer genauso jedes Jahr wieder neu vor uns aus.

Für die Advents- und Weihnachtszeit wünsche ich Ihnen, eine gute Balance zwischen Stille und Jubel, zwischen Einkehr und Engagement, zwischen Planung und Überraschung!

Herzlichst Pfarrerin Martina Steffen-Eliş

Monatsspruch Dezember 2017

„Durch die herzliche Barmherzigkeit unseres Gottes wird uns besuchen das aufgehende Licht aus der Höhe, damit es erscheine denen, die sitzen in Finsternis und Schatten des Todes, und richte unsere Füße auf den Weg des Friedens.“

Lukas 1, 78-79

Andacht

Liebe Leserinnen und Leser,

wo wohnt Gott? Mit dieser Frage beschäftigt sich eine Gruppe Jugendlicher. Zuerst wird eine Geschichte erzählt, „Geschwisterlich“ ist sie überschrieben:

Zwei Schwestern wohnten dicht beieinander. Die Jüngere war verheiratet und hatte Kinder, die Ältere war unverheiratet. Die beiden arbeiteten zusammen und bestellten gemeinsam ihr Feld. Zur Ernte brachten sie das Getreide ein und teilten die Garben in zwei gleich große Stöße, für jede einen.

Als es Nacht wurde, konnte die Ältere keine Ruhe finden: Meine Schwester hat eine Familie, ich bin allein und ohne Kinder, sie braucht mehr Korn als ich. Also stand sie auf und wollte heimlich ein paar von ihren Garben zu denen ihrer Schwester legen.

Auch die Jüngere konnte nicht einschlafen. Meine Schwester ist allein und hat keine Kinder. Wer wird in ihren alten Tagen für sie sorgen? Und sie stand auf, um von ihren Garben ein paar zum Stoß der Älteren zu tragen.

Auf halbem Weg, mitten auf dem Feld, trafen sie einander. Da erkannte jede, wie gut es die andere mit ihr meinte. Sie ließen ihre Garben fallen und umarmten einander. Seither wird gesagt, dieser Ort ist heilig, hier wohnt Gott.

Wo wohnt Gott? Die Jugendlichen diskutieren miteinander. Sie hatten die Geschichte gehört, suchten nach einer eigenen Antwort und sagen: Da wohnt Gott, wo Menschen sich in den anderen hineinfinden, hineindenken und dann für ihn da sind. Da ist Gott. So wohnt er unter uns.

Dann spielen sie drei Szenen: Mütter und Väter, Großeltern, die sich mit großer Geduld auf ihre jugendlichen Kinder einstellen, die sie freigeben und gehen lassen und doch auch da sind, wann immer sie gebraucht werden. Eine Szene in der S-Bahn: Eine junge Mutter, die ihr Smartphone nicht aus den Augen lässt, dabei ihr kleines Kind im Wagen vergisst. Einer aus der Gruppe erzählt, er hätte all seine Courage zusammengenommen und die Frau angesprochen.

Ein Beispiel aus dem Schulalltag: Eine Mitschülerin, die den Mut hatte, sich gegen den größten Teil der Klasse vor eine andere zu stellen, sie zu schützen, vor den Beschimpfungen und den kleinen Stichen, die nicht aufhören wollten.

Da wohnt Gott, wo Menschen sich in den anderen hineinfinden, hineindenken und dann für ihn da sind. Da ist Gott. So wohnt er unter uns.

Grüße von Annette Schwer.

Vorweihnachtszeit, Jahresende, Jahresanfang

Das geht seinen Gang.
Damit haben wir unser Tun.
Etwas noch Fertig-Kriegen.
Etwas noch – Eintüten.
Emsige Lust!
Und: Nach dem Fest ist – vor dem …?
Wie sind wir mittendrin
beisammen
mit Leib und Seele,
mit nüchternem Ansehen
und erfülltem Bauchgefühl,
mit Müttern, Vätern, Kindern, Kindeskindern,
ahnungsvoll und sehnsuchtsvoll,
zwischen Gemeinen und Herzlichen,
zwischen Menschen, die ich meide,
und
Menschen, die ich mag?
In der Mitte dieses Fest
noch einmal
mit diesem Menschen-Kind
von GOTT.
Auf Stroh und Schoß
kann es schreien oder lächeln,
auch dieses Kind drückt mal was
oder es bekommt mal schwer Luft. –
Finden wir
– wie die Hirten und die Weisen aus dem Osten –
in diesem Kind
leuchtet allen Menschen von Gottes Wohlgefallen
sein Versprechen:
ihr könnt
mit allen Völkern
dem Leben
gerecht werden.
So werdet ihr
entspannt zur Ruhe kommen
nicht nur erschöpft:
selig.

1612_selig

So wünsche ich Ihnen:
Das Leuchten von Gottes Kind
gehe mit Ihnen mit
bei allem, was auf Sie zukommt.

Ihr Reinhard Kähler, Pfarrer

Gedanken zum Weihnachtsfest

Es weihnachtet sehr um unsere Wohnungen herum,
bis in sonst dunkle Ecken von Baumschulenweg und Johannisthal hinein.
Ein frommer Wunsch?
Ich halt für möglich, dass wir doch durch Nacht-Zeit
geweiht da herauskommen,
möchte das Heiligende entdecken hinter den Geschäften mit Weihnachten,
hinter den Abschlüssen des Jahres, hinter den Plänen zu besuchen, zu erholen,
wo Nächte zu geweihten Nächten werden.
Wir machen es uns schön
und gemütlich und lassen es uns gut gehen – mehr noch – ahnen wir:
Was unsere Nächte endlich doch heilsam werden lässt,
das wird uns geschenkt, da steht EINER für uns ein,
der leuchtet wie ein Stern über unseren Häusern, über unseren Ländern,
dieser eine Stern fällt in unsere Seele,
das Gotteskind kommt zur Welt.
Diese Weihe müssen wir uns nicht selber geben.
Diese Pause gibt uns DIESER EINE über allem.
Lässt uns tief aufatmen, gibt die Ruhe zur Nacht.
Heilt uns für die neuen Tage und was auf uns wartet. –
Ach, dass wir ihn kommen lassen,
wie er uns vom Himmel fällt!
Dazu klinken wir uns aus aus unserer Arbeitszeit, lassen in unsere Familien- oder Freizeit herein kommen die besondere Zeit für Gottes Geburt
zur Weih-nacht.
… gehen an den anderen Ort in unserem Kiez, die Kirche.
Auf dass wir auch bei uns entdecken:
Allem Müll und allem Furchtbaren zum Trotz –
Gott zupft menschliche Saiten in uns an.
So gehen wir
von Gott gewürdigt
ins Neue Jahr.
Noch dann, wenn die Weihnachtsbäume schon am Straßenrand liegen,
leuchte Ihnen dieser heilsame Stern weiter –

das wünsche ich Ihnen

Ihr Reinhard Kähler