Das Hohelied der Liebe

Dies ist die Mitgliederzeitschrift einer evangelischen Kirchengemeinde. Wenn Sie hier das Wort Liebe lesen, dann sind ihre Gedanken sicher schon bei der Nächstenliebe, bei der Liebe, die Gott uns schenkt, bei der Liebe, die in unserer Gemeinde spürbar werden soll, bei der Liebe, die wir den Menschen in der Welt weitergeben sollen. Auch in meinen Predigten ist das die Liebe, von der ich meistens spreche. Kirchlich akzeptabel ist ja auch noch die Liebe zwischen Eltern und Kindern. Bei vielen Taufen kann ich über diese Liebe reden. Oder die Liebe zwischen zwei Menschen in einer festen Partnerschaft, das ist das Thema bei den meisten Hochzeitsansprachen. Jetzt soll es um noch eine andere Liebe gehen.

In einer Kirchengemeinde und in meinem Pfarreralltag geht es sehr selten um verbotene Liebe, um erotische Liebe, um die junge, brennende, unvernünftige, körperliche Liebe. Darum geht es allerdings im biblischen Buch „das Hohelied Salomos“. Das Buch ist eine Sammlung von erotischen Gedichten – interessanterweise häufiger aus der Perspektive einer Frau als aus der Perspektive eines Mannes. In farbenfrohen Bildern wird beschrieben, wie die Liebenden versuchen zueinander zu kommen, wie sie umeinander kreisen. Sie vermissen sich, wenn sie getrennt sind, und verabreden heimliche Schäferstündchen. Vieles wird in farbenfrohen Bildern und Vergleichen beschrieben. An manchen Stellen wird das Hohelied sehr eindeutig: „Seine Linke liegt unter meinem Haupt, und seine Rechte herzt (streichelt) mich.“ (Das Hohelied Salomos 8,3)

Für die jüdischen Gelehrten des Altertums war das Hohelied eine Parabel auf die Liebe Gottes zu seinem Volk Israel. Im Mittelalter haben Nonnen und Mönche das Hohelied als Beschreibung der Beziehung zwischen Gott und der gläubigen Seele gedeutet. Für Johann Gottfried Herder war das Hohelied eine Sammlung von Liebesliedern für tugendhafte Eheleute. In den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts sah man es als Zeugnis für die freie Liebe. Das ist nur eine kleine Auswahl von Interpretationen für das Hohelied Salomos. Liebesgedichte können sehr unter schiedliche Bilder in Menschen wecken.

Jesus vergleicht Gottes Reich mit Weizen, der auf dem Acker wächst (Markus 4,26–29). Er vergleicht Gottes Handeln mit dem Handeln eines Vaters (Lukas 15,11–32) oder dem Handeln eines Großgrundbesitzers, der seine Arbeiter bezahlt (Matthäus 20,1–16). In diesen alltäglichen Erzählungen erkenne ich Gott. Dann kann ich auch in Liebesgedichten etwas über das Verhältnis von Gott und Mensch erkennen. Im Film „Sister Act – Eine himmlische Karriere“ kommt eine Nachtklubsängerin in ein Kloster. Und siehe da, die Liebeslieder aus ihren Klubkonzerten werden in einer Kirche zu Gebeten. Liebeslieder in der Bibel werden zu aufregenden Vergleichen für die Beziehung zwischen Gott und Mensch. In den Bibelgesprächen dieses Jahr werden wir über das Hohelied Salomos sprechen. Ich bin sehr gespannt.

Paulus Hecker