Fremde willkommen?

Millionen Menschen sind 2013 auf der Flucht. Ein paar tausend Flüchtlinge schaffen es bis Deutschland, ein paar hundert kommen in unseren Stadtbezirk. Das weiß jeder.

Der Bezirksbürgermeister und andere rufen: „Willkommen, Flüchtlinge, bei uns“.
Was sagen Sie? Sagen Sie: „Das würde ich auch sagen“? Oder fragen Sie: „Was wollen die hier“? –
Ein paar Gedanken für das Gespräch dazu in unseren Gemeinden.

So fremd uns Temperamente und Sitten in anderen Völkern sind oder so fern uns die Temperaturen und Hütten sind, in denen arme Völker leben – ständig kommt was von ihnen zu uns ins Haus, wenn wir was kaufen: den Reis und den Pfeffer, das Handy und das T-Shirt. Ich sehe hinter den Waren Menschen, und ich frage mich: Wie können sie von ihrer Arbeit leben? Wie ermöglicht der Handel ihnen ihr eigenes Leben, und wie beutet er es aus? Und was, wenn einem afrikanischen Volk das Land verwüstet, weil das Klima nicht mehr die vielen Abgase der Industrieländer verdaut? Und was ist mit den Bauernfamilien, denen Reiche – unter anderem mit Deutscher Bank – das Land wegkaufen, das ihre Lebensgrundlage ist? …
So eng ist die Welt zusammengerückt! Umso mehr fordern Menschen in meiner Umgebung:

„Die Politik soll uns das Elend vom Halse halten. Wäre doch noch schöner, wenn die Habenichtse kämen und uns auf der Tasche lägen.“
Rette sich wer kann – Frauen und Männer, die ihre Familie schützen, ihr Volk.
Und wenn andere nicht überleben können – „was kann ich dafür?“ –

So würden Sie nicht denken?
Aber man muss ja nicht gleich winken: Kommt her, die ihr vor Krieg und Armut flüchtet! „Willkommen, ihr Flüchtlinge“? Ja, wenn sie die Rente mit erwirtschaften. Oder wäre es nicht doch besser, sie würden in ihren Heimatländern bleiben und da für bessere Verhältnisse arbeiten? Und wir stimmen dafür, dass unser Staat mehr Entwicklungshilfe gibt; … aber den Hunger da lässt, wo er her kommt.

Ich meine: Den Übeln an die Wurzeln gehen, daran soll politisch weiter gearbeitet werden. Darauf warten viele schon zu lange. Inzwischen kommen Bedrohte an die Tore unserer Stadt. Und als Gesellschaft in Deutschland müssen wir akut etwas für sie tun.

Ein Vergleich: Wenn ein alkoholisierter Autofahrer einen Fußgänger umfährt, wird der Verletzte ins Krankenhaus gebracht und nicht nur gefordert, Alkohol am Steuer strenger zu verbieten.

Die hier um Asyl bitten: Sie sahen für sich und ihre Familie keine Chance zu überleben – dort, wo sie herkommen. Haben den Weg riskiert, oft noch einmal lebens-gefährlich. Sind sogar über die wehrhafte Außengrenze Europas gekommen, bis nach Deutschland; wollen hier nicht reich werden, aber anständig leben, vielleicht ihre Familie zu Hause mitfüttern.
Wer wird sie abschieben?
Wer wird sie als Mensch mit Menschenrechten achten?
Wer – hier in Baumschulenweg und Johannisthal?
Zweihundertfünfzig Asylbewerber leben unter uns, in einem Haus in unserer Region. Haben Sie bemerkt, dass es deswegen hier schlechter zu wohnen ist?
Was sage ich als Christ dazu? –
Ich verstehe das so: Wenn ich mich um mich selbst kümmere, um Angehörige meiner Familie und sogar den Soli für Landsleute zahle, so läuft immer noch im Gewissen mit: Gott ist solidarisch mit allen Menschen; darum sollen sich alle menschenwürdig verhalten; und jedem soll bezeugt werden: bei Gott, auch du hast das Recht menschenwürdig zu leben!

„Gott verschafft denen, die ohne soziales Netz dastehen, ihr Recht. Er liebt die Fremden und gibt ihnen Nahrung und Kleidung. Auch ihr sollt die Fremden lieben, denn ihr könnt Gott danken, wenn ihr nicht in aussichtsloser Zwangslage seid.“ (5. Mose 10, 18-19)

Wenn wieder Flüchtlinge nach Baumschulenweg und Johannisthal kommen – sagen ihnen Christen hier: will-kommen?

Die Mitglieder der Gemeindeleitung möchten gern mit Ihnen darüber sprechen. Sie möchten wissen: Inwieweit sollten wir uns als Christengemeinde dem Aufruf des Stadtbezirkes anschließen „Flüchtlinge willkommen – ihr sollt in Baumschulenweg und Johannisthal einen Platz zum Leben finden“ – ? – Sprechen Sie die Mitglieder der Gemeindeleitung an.

Reinhard Kähler