Gedanken zum Monatsspruch – November 2014

Lernt, Gutes zu tun! Sorgt für das Recht!
Helft den Unterdrückten!
Verschafft den Waisen Recht,
tretet ein für die Witwen.
Jesaja 1,17

Wer sind die „Waisen und Witwen“? Bei Jesaja gehören die Waisen und Witwen zu den schwächsten der Gesellschaft. Ohne Männer, ohne Eltern, häufig erwerbslos, aber auch schutz- und/ oder obdachlos war es leicht, sie um ihre Rechte zu bringen oder ihnen ihre Rechte gar zu versagen.

Und heute? Scheinen die Waisen und Witwen doch wohlversorgt und umfassend geschützt in ihrem rechtlichen Status zu sein. Müsste man heute, ca. 2700 Jahre nach der Abfassung des Textes, also vielmehr von Flüchtlingen und Obdachlosen reden? Denn den Waisen und Witwen sei bereits Gutes getan, sei bereits Recht verschafft?

Ich höre von Sebastian, der nicht mit zur Klassenfahrt kann, weil seine Halbwaisenrente dafür nicht ausreicht und von seiner Mutter, die sich weder darum noch um ihn kümmert, weil sie um ihren Mann trauert, der sich vor eine U-Bahn geworfen hat. Verlassen von der Welt, allein gelassen in Schmerz und Trauer. Abgespeist mit einer Halbwaisenrente bis zur Vollendung der schulischen Ausbildung; doch der Vater fehlt ein Leben lang. Sie, Jahre später, von der Seite schief angeschaut, weil sie als „Frau in den besten Jahren“ noch immer keinen neuen Mann für sich gefunden hat. Niemand sieht die Wunde, die immer noch an ihrer Seite klafft.

Ich höre von Isabella, die zu früh ihre Mutter verloren hat, weil die Operation am Herzen schief ging. Ihr Studium schafft sie nun nicht mehr in der vorgegebenen Regelstudienzeit, weil sie sich Zeit nimmt, zu trauern. Sich diese Zeit nehmen muss. Die Frau von der Studienberatung drängt sie: so kann das nicht weitergehen. Sie müsse doch an ihre Zukunft denken, ihr Studium durchziehen. Sie denkt an ihre Zukunft – das nächste, übernächste und alle Weihnachtsfeste ohne ihre Mutter. Sie denkt an ihre Zukunft – an ihre einstigen Kinder, die ihre Großmutter nicht kennenlernen werden.

Wird ihre Trauer akzeptiert? Wird ihr Verlust angemessen respektiert? Wird ihnen die Zeit und der Ort zugestanden, die es braucht, um den Schlag zu verarbeiten?

Ihr Recht behalten sie; finanziell ist für sie (ausreichend?) gesorgt. Ist das Gute schon getan?

Alina Erdem, Vikarin