Licht-Blicke im Schatten

Liebe Leserinnen und Leser!

als ich diese Zeilen schreibe, haben wir heiße Sommertage – und damit verbunden die Sehnsucht, im Schatten zu sitzen. Eiscafés mit Sitzplätzen unter bunten Sonnenschirmen und Biergärten mit ihren Bänken unter großen, dicht belaubten Bäumen, die Schatten spenden, haben dabei Hochkonjunktur.

Was kommt uns nicht alles in den Sinn, wenn wir an „Schatten“ denken: Da gibt es das unschuldige Spiel der Kinder, den eigenen Schatten fangen zu wollen über beeindruckende Schattenspiele der Natur oder in Inszenierungen bis hin zur Notwendigkeit, immer und immer wieder über seinen eigenen Schatten springen zu müssen. Es gibt Gedanken, Gefühle oder gar eine Krankheit, die wie dunklen Schatten auf uns liegen können oder das doch auch sehr wahre Sprichwort: „Wo viel Licht ist, da ist auch viel Schatten.“ Mal erleben wir ihn faszinierend und erfrischend, mal bedrohlich und kalt.

Auch in der Bibel hören und lesen wir von Licht-Blicken im Schatten: Da wird zum Beispiel von Jona, dem Propheten, erzählt, der doch eigentlich vor seinem Auftrag hatte davonlaufen wollen, um dann schließlich doch in der Stadt Ninive zu landen, um dort seinen Auftrag zu erfüllen. Er fordert im Namen Gottes auf zur Umkehr: weg von einem Leben, das nur das Licht des eigenen Erfolgs, der eigenen Bequemlichkeit und des Lebens, das nur den persönlichen Vorteil sucht, nicht aber die Verantwortung und die Konsequenzen für andere sieht. 40 Tage hat die Stadt Ninive Zeit, um umzukehren, in ein anderes Licht zu tauchen – und Gott ist großzügig: er wird Ninive nicht zerstören. Jona ärgert sich darüber, fordert eine strafende Gerechtigkeit ein und wirft immer noch ein schlechtes Licht auf die Menschen in Ninive, die Gottes Großzügigkeit und seinen Blick, der ins rechte Licht rückt, erlebt haben.

Da lässt Gott einen Rizinusstrauch wachsen, in dessen Schatten Jona sein erhitztes Gemüt beruhigen kann. Jona genießt den erfrischenden Schatten, aber schon am nächsten Tag verdorrt der Rizinusstrauch, die Sonne sticht ihm unbarmherzig auf den Kopf und er hadert weiter und immer weiter. So wie er den Rizinusstrauch genossen hat, so sind die Menschen in Ninive in den Genuss gekommen, ins rechte Licht gerückt zu werden – so Gottes Antwort.

Auch in mehreren Psalmen hören, lesen wir von Licht und Schatten: So heißt es etwa im Psalm 36: „Wie köstlich ist deine Güte, Gott, dass Menschenkinder unter dem Schatten deiner Flügel Zuflucht haben. Sie werden satt von den reichen Gütern deines Hauses und du tränkst sie mit Wonne wie mit einem Strom. Denn bei dir ist die Quelle des Lebens und in deinem Lichte sehen wir das Licht.“

Hier ist die Rede von dem bergenden sicheren Schatten, der Zuflucht bietet vor dem unbarmherzigen Scheinwerferlicht, in dem unsere eigenen und fremden Blicke uns oft sehen und das lange Schatten wirft auf die Baustellen unseres Lebens, das uns blendet und blenden lässt. Dieser Schatten Gottes ist einer, den wir wohlwollend erleben, so wie an heißen Sommertagen, wenn wir in der Mittagshitze kühle Gemäuer und schattenbringende Bäume oder Sonnenschirme erreichen. Wir finden Zuflucht im Schatten Gottes und dort ist es gut zu sein, weil hier selbst der Schatten in Licht getaucht ist, in Licht, das nicht einfach unbarmherzig alles anstrahlt, was sichtbar und unsichtbar bei uns im Schatten liegt, sondern ins rechte Licht rückt, weil Gott eben seinen Licht-Blick nicht nach den Scheinwerfern der Welt richtet, sondern auf jede und jeden einzelnen von uns. Das ist Gottes Wirklichkeit – und unsere, weil wir angestrahlt sind von seiner Wirklichkeit, die die Welt verändert. Dazu gehört auch, sich den Schatten-Seiten zu stellen, den eigenen und den Schatten-Seiten eines Gottes, der uns immer und immer wieder in anderem Licht begegnet. Aber was immer wir tun, wo immer wir sind: Wir finden Zuflucht im Schatten Gottes und gleichzeitig lässt er sein Angesicht über uns leuchten.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen strahlende Sommertage und wohltuenden Schatten in Licht-Blicken, wo auch immer Sie sind.

Ihre Pfarrerin Martina Steffen-Elis