Mit Geduld und Spucke?

„Ich habe einfach keine Lust mehr auf Vergänglichkeit und Endlichkeit. Ich mag nicht einmal mehr einer Kerze beim Brennen zusehen.“

In diesen Wochen begegnet mir viel Leid und Kummer. Was da eine Betroffene so treffend in Worte gefasst hat, empfinden so manche ganz ähnlich.

An vielen Orten scheint der hoffnungsvolle Glanz des Weihnachtslichts verloschen zu sein. Menschen müssen Abschied nehmen von Verstorbenen, die ihnen nahe standen. Gebrechlichkeit und Krankheit bindet so manche von uns an die eigene Wohnung oder ein Pflegeheim und macht den Kontakt zur Außenwelt schwierig, wenn nicht gar unmöglich. Und dann sind da immer noch die vielen Gäste in unserer Stadt: Geflohen aus ihrer Heimat, geflohen aus Angst um ihr Leben und Wohlergehen, steht für sie die Zukunft in den Sternen. Wir sehen sie täglich, wir haben uns an ihre gefährdete Anwesenheit gewöhnt.

Zudem spüren wir die Auswirkungen des Klimawandels heftiger als vorausgesagt. Wir hören und sehen vom Elend zahlloser Menschen auf unserem Globus und sind beunruhigt. Leid und Kummer zu Beginn des Jahres, ein Vorgeschmack auf das, was kommt?

Das neue Jahr ist noch jung, und der Spruch für den Monat Februar haut uns all unser Leiden, unsere ganze Verzagtheit um die Ohren:

Ich bin überzeugt, dass dieser Zeit Leiden nicht ins Gewicht fallen gegenüber der Herrlichkeit, die an uns offenbart werden soll.

Römer 8, 18

So kann man doch nicht reden! Das darf man nicht.

Was der Apostel Paulus da schreibt, beißt sich mit unseren Erfahrungen. Die Leiden dieser Zeit dürfen nicht gewogen, abgemessen werden.

Sie sind unermesslich. Wir wissen das. Und weil wir das wissen, wäre es zynisch, sie zu relativieren und in ein Verhältnis zu setzen zu einer „Herrlichkeit“, die wir nicht sehen, nicht spüren, die zu einem anderen Zeitpunkt an uns offenbart werden soll. Aber bei Paulus geht es noch weiter:

„Denn das ängstliche Harren der Kreatur wartet darauf, dass die Kinder Gottes offenbar werden. Die Schöpfung ist ja unterworfen der Vergänglichkeit – ohne ihren Willen, sondern durch den, der sie unterworfen hat, doch auf Hoffnung; denn auch die Schöpfung wird frei werden von der Knechtschaft der Vergänglichkeit zu der herrlichen Freiheit der Kinder Gottes. Denn wir wissen, dass die ganze Schöpfung bis zu diesem Augenblick seufzt und in Wehen liegt. Nicht allein aber sie, sondern auch wir selbst, die wir den Geist als Erstlingsgabe haben, seufzen in uns selbst und sehnen uns nach der Kindschaft, der Erlösung unseres Leibes. Denn wir sind gerettet auf Hoffnung hin. Die Hoffnung aber, die man sieht, ist nicht Hoffnung; denn wie kann man auf das hoffen, was man sieht? Wenn wir aber auf das hoffen, was wir nicht sehen, so warten wir darauf in Geduld.“

Römer 8, 19-25

Nun ist es einmal gesagt – geschrieben, als Botschaft, die uns mitten in unserem Verzagen angesichts so vieler Vergänglichkeiten trifft. Und nun?

Es ist das nachdrückliche Wir und das Uns, was mich aufmerken lässt. Paulus redet von einer Wirklichkeit, die uns alle betrifft. Weder bin ich ein Einzelfall in all meiner Verzagtheit, noch kann ich mich herausneh-men aus dem allgemeinen Elend, mich zurücklehnen als Privilegierte, für die alles Seufzen und Sehnen nicht gilt.

Wir alle sind jene Kreaturen, sind die Schöpfung, die täglich seufzt und in Wehen liegt, wir hoffen so sehr auf ein Ende allen Elends. Insofern gehören wir zusammen, so, wie wir hier sind.

Nur ist mir nicht allzu oft danach, geduldig zu warten. Geduld ist etwas Zweischneidiges: Sie klingt so tugendhaft. Aber bremst Geduld uns nicht auch aus? Ist es richtig, geduldig zu warten, wenn doch Handeln angebracht wäre? Wenn ich so dringend etwas an den Tatsachen ändern möchte, kann ich dann hoffen auf das, was ich nicht sehe – und geduldig warten?

Paulus berührt die Geduld, die auch im Leid darauf vertraut, dass noch etwas kommt, was die Wirklichkeit verwandelt, ein Ziel, auf das es zu hoffen lohnt. Und er berührt die Geduld mit denen, die von Kummer oder Angst schwach geworden sind und die Kraft zum Hoffen gerade nicht finden: Ich weiß – und wer nicht –, wie rasch ein schwaches Hoffen umschlagen kann in Perspektivlosigkeit und Hoffnungslosigkeit. Ich weiß, dass nicht selten dem schwach Hoffenden die Geduld mit den an-deren abhandenkommt.

Ich gehöre also dazu. Wir alle gehören dazu, tragen unseren persönli-chen Anteil an dem Leiden dieser Zeit – in dem Maße, wie wir Kreaturen dieser Schöpfung sind.

Vielleicht kann man also doch so reden, wie Paulus es tut. Er verleiht unserem Leid und Kummer damit sicher keinen Sinn, er vermag es auch nicht zu relativieren. Aber er setzt es in einen neuen Zusammenhang und macht uns damit handlungsfähig. Er ist überzeugt, dass Gott sich an unsere Seite stellt in den Momenten unseres Lebens, in denen wir das nicht sehen können, worauf wir so gerne hoffen möchten. Wenn uns gerade der Blick dafür fehlt, will er uns „auf Hoffnung hin retten“: Dann bleibt das Warten in Geduld nicht ein passives, ausgeliefertes Verharren. Sondern es wird zum aktiven Geduldig sein mit mir selbst, mit meinem eigenen zweifelnden Hoffen und mit einer Welt, die derzeit nur „auf Sicht“ fährt. In solchen Zeiten tritt Gott an die Stelle all dessen, was wir nicht sehen, worauf wir nur hoffen können. „Auf Hoffnung hin gerettet zu sein“, lässt uns glauben, dass Gott alle seine verzagten Kreaturen zu Recht bringen wird – gegen allen Augenschein.

Die Kerze brennt trotzdem ab. Es gibt Zeiten, da mag man dabei nicht mehr zusehen.

Paulus erinnert mich daran, dass mit dem verglimmenden Kerzendocht aber das Licht noch lange nicht ausgeht.

Ich wünsche Ihnen, dass Sie gut durch diese schummrige Jahreszeit kommen und etwas spüren von jenem Licht, das uns hoffen lassen will gegen allen Augenschein.

Ihre Julika Wilcke