Summende Boten

Seit einiger Zeit habe ich einen neuen Lieblingsplatz gefunden. Jetzt sitze ich, wann immer ich einige Momente erübrigen kann, weit hinten in unserem Pfarrgarten. Er ist zu dieser Jahreszeit besonders schön und verwunschen. Licht und Schatten spielen dort miteinander. Die hohen Bäume machen den Ort angenehm kühl, und ich setze mich ins Gras oder rücke mir einen Stuhl zurecht, um einem ganz besonderen Schauspiel zu folgen: Dort an der Grenze zur Mörikestraße stehen seit zwei Monaten drei Bienenbeuten. Ein junger Imker war auf der Suche nach einer Bleibe für seine ersten eigenen Völker – und welchen besseren Ort kann man sich da vorstellen als dieses schöne Stück Garten. Ungestört fliegen die Bienen nun aus und ein. Sie krabbeln in die schmale Öffnung, und kaum, dass sie verschwunden sind, kommen schon die nächsten heraus, um sich für den Start bereitzumachen. Es ist ein ständiges Kommen und Gehen. Und doch vermitteln sie mir keine Hektik. Jede von ihnen scheint zu wissen, was gerade ihre Aufgabe ist.

Beim Beobachten der Bienenstöcke im Pfarrgarten kommt mir die Idee, mich mit dem Symbolgehalt dieser Insekten näher zu beschäftigen. Auch die Bibel erwähnt Bienen – allerding nur an vier Stellen, alle aus dem Alten Testament. Und bei dreien werden die Bienen nicht gerade als sympathische Zeitgenossen dargestellt. Da dienen sie als Bild für lästige Feinde, die das Volk Israel verfolgen (5. Mose 1,44), die den Menschen gefährlich umzingeln (Psalm 118, 12) oder sich wie eine Plage überall niederlassen (Jesaja 7, 18). Als Honigspenderinnen werden die Bienen indes nur einmal erwähnt – und auch diese Geschichte ist eigentlich ziemlich unappetitlich (Richter 14): Simson hatte einen Löwen ohne Waffen zerrissen und in dem Kadaver einen Bienenschwarm mit leckerem süßen Honig gefunden. Den hatte er gekostet und offenbar seine Eltern sogar mit der süßen Speise bestochen, sodass er die Frau heiraten durfte, die er gerne haben wollte. Auf seiner Hochzeitsfeier war ihm dann der Einfall gekommen, aus seinem Löwen- und Bienenerlebnis gleich ein Rätsel zu machen. Die Lösung: „Was ist süßer als Honig? Was ist stärker als der Löwe?“ Leider geht auch diese unterhaltsame kleine Geschichte nicht sehr friedlich aus.

Honig finden wir dagegen recht häufig, und in der reichen Symbolsprache des Alten Israels kommt ihm eine wesentlich vorteilhaftere Bedeutung zu als seiner Erzeugerin. Besonders populär ist sicherlich die Verheißung Gottes, sein erwähltes Volk in das Land zu führen, „da Milch und Honig fließen.“ Lange Zeit ging man davon aus, dass es sich dabei eigentlich gar nicht um ein Endprodukt der Honigbienen handelte, sondern um den dicken Saft der Feige, Dattel oder Trauben. Mittlerweile geben archäologische Funde Hinweise auf systematische Bienenzucht, die bis ins neunte oder zehnte vorchristliche Jahrhundert zurückreichen. Es gibt inzwischen spannende Hinweise auf das Material der Beuten – vorwiegend ungebrannter Ton – und auf die Bienenarten, die besonders gerne gezüchtet wurden.

Wer eine reiche Honigernte hatte, der galt als wunschlos glücklich. Dort, wo Milch und Honig fließen, ist deshalb in der biblischen Sprache das gelobte Land. Es ist eine Kurzform für alle wunderbaren Orte geworden bis hin zum Schlaraffenland.

Vielfach wurde der Honig auch mit dem Wesen der Kirche zusammengebracht. Der Heilige Ambrosius, einer der wichtigsten historischen Gestalten unserer Gottesdienstformen und der Kirchenmusik, muss ein besonders begabter Mensch gewesen sein. Die Leute fragten sich, wie er das wohl macht. Wie fallen ihm nur immer so beschwingte Lieder und so ergreifende Texte zu? Es kann nicht anders sein, als dass seine Wiege unter einem Bienenkorb gestanden haben muss, und die Bienen mit ihrem Honig alle Süßigkeit des Lebens in seinen Mund haben tropfen lassen.

Die Bienen passen wunderbar zum Kirchplatz am Baumschulenweg. Und auch in Treptow an der Bekenntniskirche stehen sie goldrichtig. Nicht nur an den Eingängen des Bienenstocks geht es geschäftig zu. Auch die Klinke der Gemeindebürotür wandert von einer Hand in die andere, von Emails und Telefonklingeln ganz zu schweigen. Aber auch die Süßigkeit des Lebens hat hier einen zentralen Platz. Zahlreiche Menschen sind unterwegs, um das Leben unserer Kirchengemeinden voranzubringen und zu versüßen. Neben den größeren Ereignissen – Himmelfahrt, Konfirmationen, Taufen und Gemeindefesten – gibt es zahlreiche Dinge, die zeigen, was in unseren Kirchengemeinden wichtig ist. Von den Blumen auf dem Altar, die Unterstützung in den Gemeindebüros, die Vorbereitungen unserer unterschiedlichen Veranstaltungen bis hin zu frisch gekochtem Tee und Kaffee bei Gemeindekreisen oder Sitzungen. Dieser Reichtum an Engagement möge in unseren Stadtteil ausstrahlen, wie das Gold fließenden Honigs. Denn tatsächlich haben wir darin einen Schatz. Wer einen Ort des Glaubens und der Gemeinschaft sucht, der sollte an die Orte unserer Gemeinden kommen, denn dort fließen oftmals Milch und Honig.

Hören kann ich das, wenn ich mein Fahrrad vor der Kirche anschließe und einen Moment lausche: In der reichen Baumschulenweger Fassadenbegrünung höre ich das vielstimmige, geschäftige Summen, vereint zu einem einzigen kraftvollen Klang. Dies ist ein ganz eigener Klang, vielversprechend, verheißungsvoll. Er erzählt vom lebhaften Treiben in unserer Region.

Ich wünsche Ihnen schöne Sommerwochen und freue mich auf ein Wiedersehen!

Ihre Julika Wilcke