Festrede zur Verabschiedung des Kantors Martin Fehlandt

Herzliche Einladung zur Verabschiedung von Kantor Martin Fehlandt Musikalischer Festgottesdienst am Sonntag, 30. August 2026 14:00 Uhr in der Kirche Johannisthal mit anschließendem Empfang Ev. Kirche Johannisthal, Sterndamm 92, 12487 Berlin

von Dr. Matthias Krüger – Vorsitzender des GKR Berlin-Johannisthal, vorgebracht im Festgottesdienst am 13. Sonntag nach Trinitatis (2026)

Liebe Festgemeinde, liebe Schwestern und Brüder, liebe Gäste, und vor allem: lieber Martin!

In Relation zu deinen über 37 Wirkungsjahren hier in Johannisthal kennen wir beide uns noch gar nicht so lange – gerade mal seit 2018. Wenn man das mathematisch betrachtet, ist das nur ein Bruchteil dieser beeindruckenden Ära. Aus diesem Grund kann ich heute keine lang zurückliegenden Anekdoten beisteuern. Ich war schlichtweg nicht dabei, als du hier deine ersten Spuren hinterlassen hast. Eigentlich wäre es für so einen großen Anlass angemessen, eine Chronik von dreieinhalb Jahrzehnten zu präsentieren.

Aber uns beide verbindet etwas viel Tolleres, das diesen zeitlichen Rückstand locker wettmacht. Kannst du ahnen, was das ist? Richtig: Wir sind beide in Mecklenburg geboren! Echte Fischköppe, wie man im Rest der Republik sagt. Und uns Norddeutschen wird ja in aller Regel nicht unbedingt nachgesagt, dass wir lange, ausschweifende oder gar tiefgründige Reden halten. Ein kräftiges „Moin“ reicht uns oft für den ganzen Tag. Das ist heute sicherlich zur großen Erleichterung der Zuhörerinnen und Zuhörer hier im Saal, die nun keine stundenlangen Ausführungen befürchten müssen. Aber heute ist ein ganz besonderer Tag für unsere Gemeinde. Und deshalb breche ich mein norddeutsches Schweigen und hole etwas weiter aus.

Vor fast 18 Jahren, im September 2008, gab es ein großes Chorfest in Neubrandenburg. Die Kirchenchöre des Nordens kamen zusammen, um gemeinsam zu singen und zu feiern. Der damalige mecklenburgische Landesbischof Andreas von Maltzahn sagte in seiner Festpredigt beim Abschlussgottesdienst sinngemäß einen wunderbaren Satz, der mir seither nicht mehr aus dem Kopf gegangen ist:

„Es gibt viele großartige und hochtheologische Gottesbeweise. Den ontologischen, den kosmologischen, den teleologischen Gottesbeweis – kluge Gedanken von klugen Köpfen. Aber der eindrücklichste und schönste unter ihnen allen – das ist und bleibt der musikalische Gottesbeweis.“

Lieber Martin, genau diesen Beweis hast du uns in dieser Gemeinde nicht nur einmal geliefert. Du hast ihn uns regelmäßig über 37 Jahre hinweg vor Augen und vor allem vor Ohren geführt. In jedem einzelnen Sonntagsgottesdienst, an den Fest- und Feiertagen und in zahllosen Konzerten. Wenn Worte manchmal nicht mehr ausreichten, um das Unfassbare zu erklären, dann hat deine Musik übernommen. Du hast die Orgel nicht einfach nur gespielt – du hast sie sprechen lassen.

Über 37 Dienstjahre an einem einzigen Ort – das ist eine gigantische Lebensleistung. Wenn wir uns in unserer heutigen, modernen Arbeitswelt umschauen, wird so etwas immer seltener. Die Welt ist schnelllebig geworden. Die Menschen wechseln alle paar Jahre den Posten, probieren sich neu aus, ziehen weiter.

Du bist geblieben. Dass jemand einer Gemeinde dreieinhalb Jahrzehnte die Treue hält, Höhen und Tiefen miterlebt, Generationen von Gemeindegliedern musikalisch begleitet und prägt, ist ein unschätzbares Geschenk. Wir sind glücklich und außerordentlich dankbar, dass du all diese Jahre dieser Gemeinde treu geblieben bist. Mit all deiner Schaffenskraft, deiner Geduld und deiner Liebe zur Kirchenmusik.

Ich sage dir ganz ehrlich, wie es ist: Im Ernstfall hätten wir dich auch gar nicht gehen lassen. Wenn wir gekonnt hätten, hätten wir die Kirchentüren verriegelt und um dich gekämpft wie Seeräuber um eine gut gefüllte Schatzkiste! Denn ein Schatz bist du für uns auf jeden Fall. Um genau zu sein: ein Diamant.

Diamanten sind extrem wertvoll. Und sie zeichnen sich durch ganz besondere, beeindruckende Eigenschaften aus. Das fängt schon damit an, dass echte Diamanten in der Natur extrem selten zu finden sind. Genau so selten sind brillante Kirchenmusiker, die ihr Handwerk nicht nur technisch beherrschen, sondern es mit Herzblut und Seele füllen.

Die Geologie sagt uns, es braucht drei ganz bestimmte Bedingungen, damit tief unter der Erde aus einfachem Kohlenstoff ein funkelnder Diamant entsteht: Es braucht einen enorm hohen Druck, eine große Hitze und eine ganz besondere Tiefe. Und wenn man genauer hinschaut, sind das genau die Bedingungen, unter denen auch du dich als unser Kantor herauskristallisiert hast!

Die erste Bedingung: der Druck.

Lieber Martin, wer glaubt, das Leben eines Kantors sei ein ruhiger, beschaulicher Halbtagsjob, der irrt sich gewaltig. Du warst im Hintergrund ständig hohem Druck ausgesetzt. Wenn du nicht selbst an der Orgel gesessen hast, musstest du im Krankheitsfall verlässliche Vertretungen organisieren – und das manchmal in letzter Sekunde. Die Proben und Konzerte unserer verschiedenen musikalischen Gruppen mussten koordiniert, Räume reserviert und Termine in den ohnehin schon vollen Jahresplan eingetaktet werden. Du musstest Berge von Noten sichten, passende Stücke auswählen, Orchestermusiker für die großen Aufführungen engagieren und am Ende die Konzerte auch noch bürokratisch abrechnen. Du warst im Dauereinsatz am Telefon, hast unzählige E-Mails geschrieben und im Stillen tausend Dinge vorbereitet. Du musstest Unvorhersehbares einplanen und manchmal das Unmögliche möglich machen. Doch all das gelang dir nach außen hin scheinbar spielend und mit einer beneidenswerten Ruhe. Die Gemeinde und die Konzertbesucher konnten sich immer zu einhundert Prozent auf dich verlassen. Du warst der Fels in der Brandung.

Die zweite Bedingung: die Hitze.

Die meteorologische Hitze im Sommer ist vermutlich eher nichts für dich, da bevorzugst du sicher die frische norddeutsche Brise. Und hitzige, laute Debatten magst du im Gemeindeleben ganz sicher auch nicht.

Aber es gibt eine ganz andere Form von Hitze bei dir: Wenn der Motor deiner Orgel heiß läuft und du dich an den Tasten warm gespielt hast, dann gibt es für dich kein Halten mehr! Dann vergisst du alles um dich herum. Mit deinen erfrischenden, originellen und oft überraschenden Orgelimprovisationen hast du uns immer wieder aufs Neue beglückt und aus dem Alltag entführt.

Und ich erinnere mich in diesem Zusammenhang noch ganz genau an das letzte Weihnachtsoratorium von Johann Sebastian Bach, welches wir zusammen in Oberschöneweide musiziert haben. Der große Eingangschor stand an: „Jauchzet, frohlocket!“. Die Streicher spielten sich mit ihren schnellen Läufen warm, die Trompeten setzten mit ihrem strahlenden Fanfarenklang ein, die Spannung im Raum stieg ins Unermessliche. Und dann, nach genau 32 Takten, setzte der Chor ein. In diesem Moment konnte man ein echtes und tiefes Feuer in deinen Augen sehen. Es war eine unbeschreibliche Freude über die Erhabenheit und die Kraft dieser Musik. Diese Begeisterung war ansteckend. Du hast diesen Moment für uns alle – für die Musizierenden und Hörenden – zu einem absolut unvergesslichen Erlebnis gemacht. Du hast die Musik lebendig werden lassen.

Die dritte Bedingung: die Tiefe.

Diamanten entstehen viele Kilometer tief unter der Erdoberfläche, unsichtbar für das bloße Auge. Bei dir, Martin, liegt die Tiefe in deiner Musikalität. Das ist weit mehr als nur dein kunstvolles und präzises Orgelspiel. Es ist dein tiefes Verständnis für Komposition, Text und Interpretation. Du hast die Lieder nicht nur gespielt, du hast ihre theologische Botschaft verstanden und durch die Musik interpretiert. Ein ganz besonderes Zeugnis dieser Tiefe sind die vielen Kanons, Choralbearbeitungen und eigenen Werke, die im Laufe der Jahrzehnte deiner eigenen Feder entstammten. Sie wurden für unsere Gemeinde zu vertrauten Klängen. Es ist toll, dass diese Kompositionen gesammelt und zu einem echten „FWV“ zusammengefasst werden – dem Fehlandtschen Werkeverzeichnis. Sie sind ein bleibendes Erbe für die Kirchenmusik.

Liebe Gemeinde, ein Diamant hat viele Facetten. Erst das Zusammenspiel dieser verschiedenen Seiten macht seine wahre Schönheit und sein Funkeln aus. Und ein Diamant ist unvergänglich. Deine vielen Facetten, lieber Martin – als Musiker, als Planer, als Pädagoge und als feinsinniger Mensch –, konnte ich heute nur andeuten.

Aber eines steht fest: Wie ein Diamant unvergänglich ist, so sind auch dein unermüdlicher Einsatz, deine jahrzehntelange Leistung und deine Musik für uns in Johannisthal unvergänglich und unvergesslich. Sie sind tief in das Fundament dieser Gemeinde eingeschrieben.

Danke von ganzem Herzen, dass du uns mit deiner Kunst die Herzen geöffnet hast. Danke, dass du uns auf diese ganz besondere Weise von Gott erzählt und ihn uns in schweren wie in glücklichen Zeiten nahegebracht hast. Wenn wir traurig waren, hat uns deine Musik getröstet. Wenn wir gefeiert haben, hat sie unsere Freude verdoppelt.

Nun blickst du nach vorne, auf einen ganz neuen Lebensabschnitt. Der Terminkalender wird leerer, die Verpflichtungen fallen weg, und die Sonntage gehören plötzlich ganz dir selbst. Das ist ein großer Wechsel nach so einer langen Zeit im Dienst.

Ich wünsche dir, dass dein Alltag nun eine ganz neue, wohltuende Leichtigkeit bekommt. Nach Jahrzehnten des Taktens und Planens hast du es verdient, dass die Uhren etwas langsamer gehen, und Zeit bleibt für all die Dinge, die bisher vielleicht zu kurz kamen – für Familie, Freunde, Reisen oder einfach für Momente der Stille.

Ich wünsche dir, dass du dir vor allem eines bewahrst: das unverkennbare Leuchten und dieses ganz besondere Feuer in deinen Augen, das uns all die Jahre so inspiriert hat.

Ich wünsche dir, dass du dich in allem, was die Zukunft bringt, von Gottes Segen getragen weißt – im gewöhnlichen Alltag, in der neu gewonnenen Freiheit und bei jedem einzelnen Lied, das du neu anstimmst oder komponierst.

Denn auch wenn heute nach über 37 Jahren dein Dienst als unser Kantor endet: Deine Musik ist nicht vorbei. Sie bleibt bestehen. Es beginnt nur etwas Neues.

Lieber Martin, im Namen des Gemeindekirchenrates und der gesamten Kirchengemeinde: Von Herzen alles Gute, beste Gesundheit, viel Freude und Gottes reichen, behütenden Segen für deinen wohlverdienten Ruhestand!

Danke für alles!