
„Du sollst fröhlich sein und dich freuen über alles Gute, das der HERR, dein Gott, dir und deiner Familie gegeben hat.“
(Deuteronomium 26,11)
„Da weinte Jesus.“
(Johannes 11,35)
Liebe Gemeinde,
zwei Verse, die kaum unterschiedlicher sein könnten – und die doch beide zu unserem Leben gehören. Der eine ruft zur Freude auf, der andere zeigt Jesus in Tränen. Beide sprechen in unsere Zeit hinein.
Wir leben in einem Wechselbad der Gefühle. Verluste prägen unsere Tage, Umbrüche verunsichern uns. Die Stabilität, die wir kannten, scheint zu bröckeln. Der Ton in den Medien wird rauer, unser Blick verengt sich auf die schwierige Weltlage. Veränderungen überrollen uns schneller, als wir sie verarbeiten können. Da sind Tränen manchmal nicht mehr fern – und sie dürfen sein. Jesus selbst weint. Seine Tränen sind kein Zeichen von Schwäche, sondern von tiefer Menschlichkeit. Sie bedeuten, dass Gott uns in unserem Schmerz nicht allein lässt, sondern mittendrin ist, mitleidet, mitfühlt.
Und doch: Jesu Tränen sind auch Tränen der Verwandlung. Sie kündigen Leben an, wo der Tod das letzte Wort zu haben scheint. Sie sprengen das vertraute System einer begrenzten Welt auf. In ihnen bricht sich das Licht der Auferstehungskraft.
Dann der Blick zur Freude: Der Frühling, der sich wieder Bahn bricht. Die Wärme und die hellen Tage, die kommen. Die Vorfreude auf Neuanfänge, auf erste Urlaube, auf schöne Veranstaltungen, auf das Leben, das wieder mehr draußen stattfindet. Die Freude über das Gute, das Gott uns schenkt – oft in den kleinen Dingen. Eine Ernte nach langer Arbeit. Ein Lächeln. Ein geteilter Moment.
Diese Freude ist keine naive Weltflucht. Sie steht am Ende einer Leidensgeschichte – und gleichzeitig mitten in einer neuen Geschichte, in der Gottes Fürsorge spürbar wird. Freude und Tränen schließen einander nicht aus. Sie gehören zusammen im Leben eines jeden Menschen – ob im Luxusappartement, in der Plattenbauwohnung, unter der Brücke im Schlafsack oder auf einer einsamen Insel. Solange wir Menschen sind, werden uns Gefühle durch den Alltag begleiten. Das verbindet uns alle.
Vielleicht liegt darin ein Trost: Es geht allen so. Wir sind nicht allein mit unseren Tränen und nicht allein mit unserer Freude. Und Gott ist in beidem da – im Weinen wie im Lachen. Er verwandelt die Tränen in Hoffnung und lädt uns ein, die Freude zu teilen. Denn seine Gaben sind nie nur für uns allein gedacht, sondern zum Teilen bestimmt.

Der Frühling kommt – und mit ihm die Erinnerung daran, dass nach jedem Winter neues Leben aufbricht. Gerade jetzt, wo wir zwischen Tränen und Freude pendeln, dürfen wir uns von dieser Kraft berühren lassen. Erich Kästner hat es wunderbar eingefangen:
Die Sonne lockt nach einem Weilchen
die schönsten Dinge an das Licht,
zum Beispiel: Birkengrün und Veilchen,
und Reiselust und Liederzeilchen,
und manches lächelnde Gesicht.Der Frühling neckt uns. Wir erwachen.
Die Welt wird wieder froh und grün
und möchte sich vertausendfachen.
Die Blumen blühen, wenn sie lachen.
Die Frauen lächeln, wenn sie blühn.
Ihre Juliane Bach


















